Verlustaversion: Warum du Verluste laufen lässt und Gewinne zu früh mitnimmst

Trading-Coach Dr. Raimund Schriek zur Verlustaversion beim Trading: Du bist der Fehler

Veröffentlicht am 2. Oktober 2026 · Lesedauer: 10 Minuten

Minus 100 taten nicht weh, minus 300 auch nicht, erst bei minus 500 wurde es unangenehm. So beschreibt Dr. Raimund Schriek seine eigene Schmerzgrenze aus seinen Anfangsjahren beim Trading, und wir haben den Trading-Coach und Buchautor im Besucherzentrum der Deutschen Börse in Frankfurt gefragt, was daran das Problem war. Seine Antwort führt direkt zur Verlustaversion, einem der bekanntesten Denkmuster der Börsenpsychologie.

⭐ Das Wichtigste auf einen Blick

1. Verlustaversion beschreibt, dass ein Verlust psychologisch schwerer wiegt als ein gleich großer Gewinn.
2. Daniel Kahneman und Amos Tversky beschrieben den Effekt 1979 in ihrer Prospect Theory, eine Studie mit 4.098 Teilnehmenden aus 19 Ländern bestätigte die zentralen Befunde der Prospect Theory 2020.
3. Wer Verluste laufen lässt und Gewinne früh mitnimmt, folgt laut Schriek keiner Strategie, sondern seinem Sicherheitsbedürfnis.
4. Schriek arbeitet mit zwei festen Grenzen, einem Stopp auf der Verlustseite und einem begründeten Ziel auf der Gewinnseite.
5. Der Betrag bei der Depoteröffnung wird zum Referenzpunkt, an dem Anleger ihre Entscheidungen noch lange danach ausrichten.
Was ist Verlustaversion?

Verlustaversion, englisch loss aversion, bezeichnet die Beobachtung, dass Menschen einen Verlust stärker empfinden als einen gleich hohen Gewinn. Wer 500 Euro verliert, ärgert sich deutlich mehr, als er sich über 500 Euro Gewinn freuen würde. An der Börse führt das dazu, dass Anleger Verlustpositionen zu lange halten und Gewinne zu früh verkaufen.

Wer ist Dr. Raimund Schriek?

Schriek kam über einen Umweg zur Finanzpsychologie. Er hängte seinen Beruf an der Universität an den Nagel, fing an zu traden und bekam es nicht so hin, wie er sich das vorgestellt hatte.

Schrieks erster Erklärungsversuch war fachlich. Er schickte ein Skript über Wirtschaftsnachrichten an den FinanzBuch Verlag, und dort fragte man zurück, wofür er sich eigentlich interessiere. Heraus rutschte die Psychologie.

Studiert hat Schriek Chemie in Kiel, promoviert an der Universität Bremen im Fachbereich Biologie/Chemie. Danach forschte und lehrte er nach eigener Darstellung unter anderem in Biochemie, Stressforschung sowie Neuro- und Ernährungswissenschaft. Seit 2008 spricht er auf Trader- und Anlegermessen und begleitet Trader als Coach, dazu sind von ihm „Besser mit Behavioral Finance“ (2009) und „Du bist Trader!“ (2017) erschienen.

Name Rolle Format/Kanal Website Besonderheit
Dr. Raimund Schriek Trading-Coach, Autor und Referent Seminare und Webinare für Banken und Broker raimundschriek.com Promovierter Naturwissenschaftler (Chemie/Biologie), verbindet Neurowissenschaft mit Finanzpsychologie

Warum der kleine Verlust der bessere Verlust ist

Nach typischen Fehlern gefragt, fängt Schriek nicht bei der Strategie an, sondern bei der Angst. Die Angst vor Verlusten ist der erste Fehler, den er nennt.

„Einen kleinen Verlust mitzunehmen ist immer ratsamer, als erstmal einen großen auflaufen zu lassen.“
— Dr. Raimund Schriek (Quelle: Interview Deutsche Börse Frankfurt)

Die Schmerzgrenze, die ihm jahrelang im Weg stand

Schriek plaudert offen aus dem Nähkästchen. Als junger Erwachsener hat er nach eigenen Worten viel aushalten müssen, seine Schmerzgrenze lag entsprechend hoch.

Beim Trading setzte sich das fort. Minus 100 tat nicht weh, minus 200 auch nicht, minus 300 ebenso wenig. Erst bei minus 500 wurde er nervös, und rückblickend nennt er das „keine gute Voraussetzung“.

Der Punkt ist nicht die Zahl, sondern dass er sie lange nicht als eigenes Thema erkannt hat. Wer nicht weiß, wo seine Schmerzgrenze liegt, kann sie auch nicht einhalten. Wer sie kennt, stellt die Position glatt, statt sie weiterlaufen zu lassen.

Stopp und Ziel, dazwischen findet alles statt

Aus dieser Erfahrung zieht Schriek eine harte Regel. Er braucht auf der Verlustseite einen klaren Stopp, also eine vorher festgelegte Marke, bei der die Position verkauft wird. Auf der Gewinnseite braucht er ein Ziel, das er begründen kann, ob über die Charttechnik oder über bekannte Markteffekte. Ein Wunschwert reicht ihm nicht, in seinen Worten darf das „kein Fantasieziel sein“.

Schrieks Trading findet ausschließlich zwischen diesen beiden Grenzen statt, alles andere gilt ihm nicht als Trade.

Den häufigsten Einwand lässt Schriek nicht gelten. Wer klagt, er sei ausgestoppt worden und danach sei der Kurs doch noch in die gewünschte Richtung gelaufen, hat meist die Volatilität nicht berücksichtigt, also die übliche Schwankungsbreite des Marktes. Ein Stopp, der zu eng am Kurs klebt, wird zwangsläufig getroffen.

Gewinne, die zu früh vom Tisch kommen

Verlustaversion hat eine zweite Hälfte, die weniger schmerzhaft aussieht und genauso viel kostet. Wer Sicherheit will, lässt Verluste zu weit laufen und nimmt Gewinne zu früh mit, weil er sein Geld lieber wieder auf dem Konto sieht. Schriek ist an dieser Stelle knapp, das sei „auch keine Gewinnerstrategie“.

Rechnerisch nennt Schriek zwei Wege, dauerhaft im Plus zu landen. Entweder er macht mehr Gewinne als Verluste bei gleicher Höhe, oder seine durchschnittlichen Gewinne liegen über den durchschnittlichen Verlusten, wenn die Trefferquote bei ungefähr 50 zu 50 liegt. Wer Gewinne kappt und Verluste laufen lässt, drückt den durchschnittlichen Gewinn und treibt den durchschnittlichen Verlust nach oben.

Der Anker, den du bei der Kontoeröffnung setzt

Eine Denkfalle hält diesen Kreislauf besonders zäh am Leben. Eröffnet jemand ein Depot mit 5.000 Euro, wird diese Zahl zum Referenzpunkt, an dem er alles Weitere misst.

Fällt das Konto auf 3.000 oder 2.000, weiß er immer noch genau, dass er bei 5.000 gestartet ist, und tut alles, um dorthin zurückzukommen. Schriek beobachtet, dass bei vielen genau dann nichts mehr geht.

Schrieks Gegenbeweis ist fast komisch. Bei einem krummen Startbetrag mit Nachkommastellen könnte sich kaum jemand die Zahl merken, und schon wäre der Anker weg. Runde Summen merken wir uns mühelos, und genau deshalb halten sie uns fest. Sein Vorschlag ist, den Referenzpunkt jeden Tag neu zu setzen, auf den Kontostand von heute.

Der Forschungsstand dazu, unabhängig vom Interview: Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky beschrieben 1979 mit ihrer Prospect Theory, erschienen in der Fachzeitschrift Econometrica, das Grundmuster dahinter. Menschen bewerten Ergebnisse relativ zu einem Referenzpunkt. Die beiden legten Versuchspersonen einfache Wetten vor und sahen, dass deren Entscheidungen nicht zur damals gängigen Theorie vom erwarteten Nutzen passten. Der Kernbefund von Kahneman und Tversky lautet, dass die Bewertungsfunktion im Verlustbereich steiler verläuft als im Gewinnbereich. Ein Verlust wird also stärker empfunden als ein gleich großer Gewinn, und wer verlieren kann, entscheidet anders als jemand, der gewinnen kann.

Eine internationale Replikationsstudie mit 4.098 Teilnehmenden aus 19 Ländern bestätigte die Prospect Theory 2020. Auch die Deutsche Bundesbank beschreibt in ihrer Analyse zum Anlegerverhalten aus dem Januar 2011 genau dieses Muster. Anleger verkaufen Gewinnerpapiere relativ früh und halten Verliererpapiere relativ lange. In der Forschung heißt das Dispositionseffekt, und die Bundesbank erklärt ihn unter anderem mit der Prospect Theory.

Was im Kopf passiert, wenn das Depot rot wird

Seit einigen Jahren schaut Schriek nicht mehr nur auf das Verhalten, sondern eine Ebene tiefer. Verhalten zu analysieren ist für ihn das eine, interessanter findet er, was im Gehirn passiert, wenn jemand einen Chart sieht oder eine bestimmte Emotion hat. Er greift vier Bereiche heraus und vereinfacht dabei bewusst.

Der präfrontale Kortex, also der Teil hinter der Stirn, steht für das Rationale und würde eine Strategie eins zu eins umsetzen. Unter Stress tritt er in den Hintergrund.

Die Amygdala verarbeitet die Emotionen, und die sind im Auf und Ab der Kurse ständig präsent. Das dopaminerge System reagiert auf Überraschungen, positive wie negative, und bringt uns zu Entscheidungen, die wir gar nicht treffen wollten.

Die Insula schließlich macht das Ganze körperlich spürbar. Sie ist daran beteiligt, dass der Blutdruck steigt und man ins Schwitzen kommt. Schriek kennt Leute, die beim Traden schwitzen und so vor dem Bildschirm sitzen, als wollten sie gleich hineinkriechen, um den Kurs in die richtige Richtung zu schieben.

Aus dieser Mischung entstehen zwei Fehler mit Namen. Beim Revenge-Trade will jemand einen Verlust sofort zurückholen, meist in derselben Richtung, in der er gerade verloren hat. Beim Chasing-Trade jagt er einer Position hinterher, die ihm davongelaufen ist.

Nach einem Gewinn kippt es in die andere Richtung, dann wird aus Euphorie großzügig Geld in den Markt geworfen. Das Hirn fährt dann seinen eigenen Kurs, beschreibt Schriek, nach dem Motto „Strategie war gestern“.

Wo der Verlustschmerz sich noch versteckt

Zur Verlustaversion gesellen sich im Interview zwei weitere Muster, ein emotionales und ein kognitives.

Manche Anleger führen drei Depots, eines mit der Strategie, die funktioniert, eines mit einer mittelmäßigen und eines, in dem das Geld verbrannt wird. Schriek spricht hier von mentalen Konten, einem Begriff aus der Behavioral Finance, also der Forschung zu Anlegerverhalten. Tatsächlich gibt es nur einen Topf Geld, im Kopf sind es drei, und der Zusammenhang geht verloren.

Der zweite Fehlertyp ist für Schriek kein emotionaler, sondern ein kognitiver. Er beobachtet regelmäßig, dass Menschen mit guten, selbst entwickelten Strategien irgendwann anfangen, sich über die eigene Strategie hinwegzusetzen, weil sie ja die Entwickler sind und es besser wissen.

Was dagegen hilft, wenn Disziplin allein nicht reicht

Schrieks Gegenmittel sind unspektakulär und fangen weit vor dem Chart an. Wer tradet, sollte einen festen Arbeitsplatz mit stabiler Verbindung haben, alles andere zählt für ihn eher zum Spielen. Dazu gehören ausreichend Schlaf und feste Handelszeiten. Wer vormittags von acht bis zwölf handelt, fängt nachmittags nicht noch an, in den US-Märkten herumzuklicken.

Auf die Frage nach Nachrichten wird Schriek deutlich. Ein Wirtschaftsdatenkalender mit Notenbankreden und Arbeitsmarktzahlen ist sinnvoll, der ständige Nachrichtenstrom eher nicht.

„Spätestens wenn in der Bild-Zeitung zu lesen ist, dass jetzt die Kurse steigen, dann ist Vorsicht geboten.“
— Dr. Raimund Schriek (Quelle: Interview Deutsche Börse Frankfurt)

Reize wirken, ob wir wollen oder nicht, und er bringt es auf ein Bild: „Die Augen kannst du zumachen, die Ohren nicht.“ Was einmal gehört ist, muss verarbeitet werden und begründet womöglich die nächste Entscheidung mit.

Das Trading-Tagebuch als eigene Datenbasis

Schrieks wichtigstes Werkzeug gegen den Verlustschmerz ist ein Tagebuch, das mehr enthält als Zahlen. Darin steht auch, wie es ihm an dem Tag ging, wie er Gewinn oder Verlust verarbeitet hat und was er verbessern kann. Er schreibt zwar gern von Hand, empfiehlt für die Auswertung aber eine Tabelle, weil sich darin über Stichwörter ähnliche Situationen wiederfinden lassen.

Was das bringt, macht er an einem Beispiel fest. Wer sieht, dass er im letzten Monat zehnmal ausgestoppt wurde, kann nachrechnen, dass er bei etwas mehr Abstand zum Kurs nur dreimal herausgeflogen wäre. Dann arbeitet er mit den eigenen Daten statt mit einem Bauchgefühl.

Die Positionsgröße entscheidet über den Schmerz

Der zweite Hebel ist schlicht die Größe des Risikos. Wer mit einem einzigen Trade zehn Prozent seines Depots vernichtet, erlebt etwas völlig anderes als jemand, der im Bereich von einem halben Prozent unterwegs ist. Schriek vergleicht den kleinen Verlust mit einer kleinen Brandblase, die man noch ein paar Tage sieht.

„Ein Trade ist ein Stück weit auch wie ein Baby, wie ein Kind. Da muss man drauf aufpassen.“
— Dr. Raimund Schriek (Quelle: Interview Deutsche Börse Frankfurt)

Manchmal bekommt so ein Trade Schnupfen, das sind die kleinen Verluste. Schwere Verletzungen darf er nicht davontragen.

Trifft dich das als Investor genauso?

Hier trennt Schriek sauber. Ein Investor legt über Monate bis Jahre an, setzt meist auf steigende Kurse und bleibt passiv, etwa über Sparpläne. Ein Trader muss reagieren, arbeitet mit Stopps und Zielen und kann auf steigende wie fallende Kurse setzen.

Den Unterschied macht Schriek am Zollthema fest, das die Märkte im Frühjahr 2025 durcheinandergebracht hatte. Ein Investor kann das aussitzen oder absichern, ein Trader muss handeln. Der Preis dafür ist die ständige Auseinandersetzung mit Gewinn und Verlust, und darin sieht Schriek zugleich die Chance, denn daran wächst der Trader.

Fazit: Der wichtigste Hebel bist du selbst

Schrieks Botschaft läuft auf drei Punkte hinaus. Verluste gehören dazu und lassen sich nicht vermeiden, entscheidend ist nur, wie groß du sie werden lässt.

Die Verlustaversion sorgt dafür, dass du beide Seiten falsch behandelst, indem du Verluste aussitzt und Gewinne zu früh einstreichst. Dagegen hilft kein guter Vorsatz, sondern ein vorher gesetzter Stopp und ein begründetes Ziel. Der Ort, an dem du ansetzen musst, bist du selbst.

„Deine Ergebnisse sind letztlich der Spiegel deiner Persönlichkeitsentwicklung.“
— Dr. Raimund Schriek (Quelle: Interview Deutsche Börse Frankfurt)

Konkret heißt das, deine Schmerzgrenze zu kennen, bevor der Markt sie für dich findet, und die Positionsgröße so zu wählen, dass ein einzelner Verlust dich nicht aus der Bahn wirft.

Schrieks Schlussrat klingt banal und ist es nicht. Geh einen Trade vorher im Kopf durch, mit dem Gewinn und mit dem Verlust, und tu ihn nur, wenn sich beide Ausgänge in Ordnung anfühlen. Wer so arbeitet, hört auf, gegen sich selbst zu handeln.

Wie dieselbe Psychologie langfristige Anleger trifft, liest du in unserem Artikel dazu, warum Börsenpsychologie sogar ETF-Sparpläne scheitern lässt. Den handwerklichen Einstieg gibt es in unserem Gespräch über Trading lernen als Privatanleger.


Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.

Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

Transparenz: Das Interview entstand im Rahmen einer Bildungsreihe für die Börsentage, für die Investier oder Verlier als Agentur tätig ist. Dr. Raimund Schriek verdient sein Geld mit Coaching, Seminaren und Webinaren, die er nach eigener Darstellung mit Banken und Brokern konzipiert, darunter UBS, Société Générale und Swissquote. Zu den im Artikel genannten Unternehmen und zu ihm besteht keine Werbe-, Provisions- oder sonstige Geschäftsbeziehung. Trading mit Stopps und kurzen Haltedauern gehört zu den riskantesten Formen der Geldanlage. Einen neutralen Überblick über die Risiken von Wertpapier-Anlagen bietet die Verbraucherseite der BaFin zu Aktien, ETFs und Co.

Über die Autoren

Laura Podleska, Co-Founderin und Co-Host von Investier oder Verlier

Laura Podleska

Co-Founderin und Co-Host, verantwortet Website und Social Media

Laura hat „Investier oder Verlier" im Juni 2025 mitgegründet und verantwortet die Website und die Social-Media-Kanäle der Marke. Beruflich arbeitet sie als Online-Marketing-Managerin.

Lukas Beißwenger, Co-Founder und Co-Host von Investier oder Verlier

Lukas Beißwenger

Co-Founder und Co-Host, führt die Experten-Interviews

Lukas hat „Investier oder Verlier" im Juni 2025 mitgegründet und führt die Interviews mit Fachleuten aus der Finanzbranche, unter anderem live auf den Börsen- und Anlegertagen. Er verantwortet Aufnahme und Produktion der Folgen.

Gemeinsam veröffentlichen die beiden seit Juni 2025 über 90 Podcast-Folgen. Ihre Mission: Investieren verständlich, ehrlich und auf Augenhöhe erklären.

Häufige Fragen

Was bedeutet Verlustaversion einfach erklärt?+

Verlustaversion heißt, dass ein Verlust sich stärker anfühlt als ein gleich großer Gewinn. 500 Euro Minus ärgern dich mehr, als 500 Euro Plus dich freuen. Der Begriff stammt aus der Prospect Theory von Daniel Kahneman und Amos Tversky.

Warum verkaufe ich Gewinneraktien zu früh?+

Weil das Sicherheitsbedürfnis stärker ist als das Kalkül. Ein realisierter Gewinn fühlt sich sicher an, ein laufender fühlt sich bedroht an. Laut Schriek ist das keine Gewinnerstrategie. Rechnerisch verschiebt sich damit das Verhältnis von durchschnittlichem Gewinn zu durchschnittlichem Verlust gegen dich.

Wie setze ich einen Stopp richtig?+

Schriek empfiehlt, beim Setzen des Stopps die übliche Schwankungsbreite des Marktes zu berücksichtigen. Ein Stopp zu nah am Kurs wird durch normale Bewegungen ausgelöst. Zum Stopp gehört außerdem ein begründetes Gewinnziel, damit du beide Grenzen kennst, bevor du einsteigst.

Was ist der Ankereffekt beim Depot?+

Der Betrag, mit dem du dein Depot eröffnet hast, wird zum Referenzpunkt. Fällt der Kontostand darunter, richtest du deine Entscheidungen darauf aus, wieder genau dorthin zurückzukommen. Schriek nennt das den Anker, in der Forschung spricht man vom Referenzpunkt. Sein Vorschlag ist, ihn täglich auf den aktuellen Stand zu setzen.

Betrifft Verlustaversion auch ETF-Sparer?+

Ja, allerdings anders. Wer passiv per Sparplan anlegt, trifft seltener Einzelentscheidungen und gerät seltener in die Falle. Schriek weist aber darauf hin, dass gerade deshalb die Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten fehlt, an der Trader wachsen. Kritisch wird es, wenn sie in einem Kurseinbruch aussteigen.

Transkript der Folge

„Einen kleinen Verlust mitzunehmen ist immer ratsamer, als erstmal einen großen auflaufen zu lassen."
Dr. Raimund Schriek
„Deine Ergebnisse sind letztlich der Spiegel deiner Persönlichkeitsentwicklung."
Dr. Raimund Schriek
„Ein Trade ist ein Stück weit auch wie ein Baby, wie ein Kind."
Dr. Raimund Schriek
Vollständiges Transkript anzeigen

Interview aus der Bildungsreihe der Börsentage, aufgenommen im Besucherzentrum der Deutschen Börse in Frankfurt. Lukas Beißwenger im Gespräch mit dem Trading-Coach Dr. Raimund Schriek. Das Transkript gibt das Gespräch in gesprochener Sprache wieder, einzelne Versprecher und Halbsätze sind so erhalten.

Anriss zu Beginn der Folge

Anriss: Worum es in dieser Folge geht

Dr. Raimund Schriek: Wo kommt Geld her? Na ja klar, Börse. Und dann habe ich mir gedacht, okay, dann fängst du mit dem Traden an. Wie funktioniert das genau hier oben, wenn ich einen Chart sehe, wenn ich eine bestimmte Emotion habe? Darum geht es letztlich.

Lukas: Das beginnt bei jedem selber, bei dem Ich. Was meinst du damit?

Dr. Raimund Schriek: Deine Ergebnisse sind letztlich der Spiegel deiner Persönlichkeitsentwicklung. Die Börse an sich ist für uns eine Herausforderung. Ich muss gucken, was ist das Ziel? Will ich Geld verdienen? Und dann möglichst straight sich auf die Sachen konzentrieren. Spätestens wenn in der Bild-Zeitung zu lesen ist, dass jetzt die Kurse steigen, dann ist Vorsicht geboten. Ich glaube, erfolgreich kann man vor allem auch dann sein, wenn man was ganz anderes tut als die anderen, wenn man die Welt anders sieht, wenn man einen anderen Fokus nimmt. Weniger das Ergebnis, guckt eher den Prozess. Ein Trade ist ein Stück weit auch wie ein Baby, wie ein Kind. Da muss man drauf aufpassen.

Lukas: Vielleicht ein Tipp von dir an die Person, die uns gerade zuschaut. Was wäre so das Wichtigste, auf das man achten sollte? Wir sind hier zu Gast bei der Deutschen Börse in Frankfurt. An der Stelle auch vielen Dank ans Besucherzentrum der Deutschen Börse in Frankfurt. Zu Gast heute Dr. Raimund Schriek, Coach, Finanzexperte, Trading Expert und gerade im Bereich Psychologie eine echte Koryphäe, auch mehrfacher Autor im Bereich finanzielle Bildung. Herr Dr. Raimund Schriek, Raimund, vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast für uns.

Dr. Raimund Schriek: Sehr gerne.

Lukas: Danke, dass du da bist.

Dr. Raimund Schriek: Ja, danke.

Wie er zur Börse kam

Lukas: Das ist ja jetzt Teil unserer Bildungsreihe für die Börsentage, und heute geht es ums Thema Psychologie. Vielleicht erzählst du uns mal so ein bisschen deinen Background. Wie kamst du in den Bereich Psychologie rein, und wie hast du Psychologie und Börse verbunden? Mal so einen kleinen Recap vielleicht.

Dr. Raimund Schriek: Naja, relativ einfach. Ich habe mit Geldanlage begonnen, also das, was man so klassisch macht, wo man auch so reinwächst. Das habe ich gelernt ein Stück weit, und irgendwann habe ich meinen Beruf an der Uni an den Nagel gehängt, weil ich was anderes machen wollte. Und dann habe ich mir überlegt, wo kommt Geld her? Na ja klar, Börse. Wie auch anders. Und dann habe ich mir gedacht, okay, dann fängst du mit dem Traden an. Und als ich mit dem Traden begonnen habe, habe ich wie viele andere es eben auch nicht so hinbekommen, wie man sich das wünscht, und habe mir dann überlegt, okay, woran kann das liegen? Kriegst ja sonst auch alles hin im Wesentlichen, warum klappt es da nicht? Und dann habe ich mir gedacht, okay, Vielleicht muss ich einfach nur die Wirtschaftsnachrichten verstehen. Und die Wirtschaftsnachrichten verstehen, ja, da habe ich ein Skript gemacht und habe das damals an den Finanzbuchverlag geschickt. Und da meldete sich dann jemand vom Verlag, der kennt Gärtner, und der hat dann gesagt: Ja, okay, sieht ja alles gut aus, schreiben Sie das doch selber. Und dann habe ich gesagt: Nee, Herr Gärtner, das mache ich bestimmt nicht, das ist mir zu langweilig. Und dann hat er gesagt: Na ja, für was interessieren Sie sich? Dann sage ich: Na ja, Wenn ich wirklich was schreiben wollte, dann über Psychologie. Das ist mir so rausgerutscht und da begann eigentlich dieser Weg mit dem Thema Psychologie zu verstehen. Wie tickt der einzelne Mensch? Wie ticken aber auch die vielen Menschen zusammen? Und wie bildet sich damit das große Ganze? Das war letztlich so der Start. Und dann habe ich natürlich die Möglichkeit gehabt, immer auch auf Messen und Veranstaltungen zu sprechen und habe durch die Arbeit mit Klienten einfach noch mal sehr, sehr viel mehr obendrauf gelernt, weil meine eigenen Mechanismen, die kannte ich und die hätten schon vieles abgedeckt, aber da kamen dann doch noch deutlich mehr spannende Geschichten hinzu. Und so habe ich ein Stück weit wirklich Einblick gewonnen in alles, was die Psychologie so betrifft, und habe dann später, seit ein paar Jahren, mich auch mit Neurowissenschaft beschäftigt, weil ich denke, nur das Verhalten zu analysieren ist das eine, aber wir müssen viel tiefer gucken. Wir müssen gucken, wie funktioniert das genau hier oben, wenn ich einen Chart sehe, wenn ich eine bestimmte Emotion habe. Darum geht es letztlich, also einfach mal die Lupe anzulegen, jeder bei sich selbst. Das habe ich bei mir begonnen und da bin ich immer noch bei. Jetzt nicht immer nur auf Börsenthemen gemünzt, aber im Allgemeinen persönliche Entwicklung ist schon das A und O, vor allem wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt.

Warum alles beim Ich beginnt

Lukas: Ja, in unserem Vorgespräch ging es ja dann auch darum, hey, wie gestalten wir das Gespräch? Und ein zentraler Punkt von dir ist, das beginnt bei jedem selber, bei dem Ich. Was meinst du damit, dass es bei dem Ich beginnt?

Dr. Raimund Schriek: Ja, das mit dem Ich ist an sich schon so eine Sache. Was ist Ich? Ja, da könnten wir jetzt ein bisschen drüber philosophieren. Aber durch die Arbeit oder durch auch Selbstbeobachtung habe ich festgestellt, dass eben nicht immer die Person in der, ich sag mal, Ist-Situation jetzt, also das Gegenwarts-Ich nenne ich das jetzt einfach mal, tradet, sondern manchmal eben auch alte Sachen tradet, manchmal eben auch an bestimmte Themen kommt, weil man vielleicht Quatsch an der Börse macht. Also ich würde das Ich so ein bisschen formulieren. Es gibt so was wie Gegenwarts-Ich, Vergangenheits-Ich, aber auch Zukunfts-Ich. Aber dann gibt es auch die Anteile, die immer wieder Ärger machen. Ich nenne das die inneren Kinder. Das sind so die Anteile, die vielleicht in der Jugend oder vielleicht noch früher vielleicht so ein bisschen gedeckelt wurden und man sich dann versucht, immer an den Finanzmärkten auszuleben. Und auszuleben ist selten strategisch, sondern da will man mal einfach gucken, hey, ich bin der Größte oder Ich brauche jetzt Aufmerksamkeit. Also die Mechanismen, die dann zu vielleicht Gewinnen oder Verlusten führen, sind dann weniger strategiebedingt als eher persönlichkeitsbedingt. Und da eine Struktur reinzubekommen oder auch zu merken, ich mache immer wieder dasselbe und komme immer wieder zu demselben, möglicherweise nicht so guten Ergebnis, da muss ich dann auf die Spur gehen. Und was ich festgestellt habe, dass die meisten gar nicht, ich sag mal, in dieser Konzentration vorm Monitor sitzen, wenn sie arbeiten, in dem Alter, wo sie sind, sondern da spielen einfach viele verschiedene Dinge rein. Auch Familienmechanismen. Wie geht man mit Geld um? Was habe ich bei meinen Eltern oder Großeltern erlebt? Mache ich die Dinge einfach nur nach? Mache ich sie besser? Verändere ich sie? Das ist eine sehr komplexe Materie und da muss jeder wirklich sehr, sehr, sehr genau schauen, dass er da nicht oder sie eben auch nicht unter die Räder geraten.

Lukas: Das heißt, man nimmt aus seinen eigenen Lebenserfahrungen, ja, seine Sachen, seine Themen mit in andere Themenbereiche. Ja, wie wird man denn sowas los, wenn ich jetzt an der Börse bin und ich bin am Verzweifeln, ich will erfolgreich traden, krieg's nicht hin? Da muss ich erstmal bei mir zu Hause irgendwie aufräumen, oder?

Dr. Raimund Schriek: Richtig, du musst bei dir zu Hause aufräumen, du musst ein Stück weit erstmal innehalten und schauen, was ist da, wer bin ich, kriege ich das überhaupt zusammen. Es gibt viele, die wollen traden, haben aber vielleicht gar keine Zeit am Tag. Fangen dann an zu klicken, vielleicht in der S-Bahn, in der Stadtbahn, in der U-Bahn, wie auch immer, oder noch gerade kurz vorm Flieger mal eben noch ein Trade abgesetzt, vielleicht aber den Stopp versetzt, vergessen. Aber das sind so Dinge, die ich muss bei mir anfangen zu schauen. Ich brauche gewisse Routinen, ich brauche Struktur, die ich von außen ein Stück weit mir selber vorgebe, weil ich diese ganzen Impulse, die da kommen, damit meine ich nicht nur die, die wir am Screen sehen, der Chart, das das ist schon genug. Vielleicht läuft das Volumen noch mit, vielleicht habe ich noch akustische Signale, aber da passiert ja noch was anderes. Da ist ein Ort, an dem ich sitze, möglicherweise turnen die Kinder darum oder die Enkel, je nachdem, und das macht eine ganze Menge. Und ich muss lernen, erst mal zu schauen, was tut mir gut. Und da muss ich auch schauen, was für ein Produkt tut mir gut, oder noch einen Schritt vorher, was für ein Markt tut mir gut. Der DAX beispielsweise ist ja ein sehr zackiges Ich habe viel Vehikel, wie soll ich es nennen. Aber wenn ich jetzt beispielsweise Renten oder vielleicht auch langsamere Märkte, nicht so volatile, trade, macht das ja auch was mit mir. Und ich muss einfach schauen, das ist so ein Stückchen wie bei der Partnerwahl, ist ein bisschen übertrieben, aber schaue ich auch, was passt zu mir, wie kann ich damit umgehen, wie kann ich das händeln, passt das zu meinem Portemonnaie, also sprich Depot. Denn hohe Volatilität bedeutet auch, ich muss ein Stück weit mehr Risiko eingehen, damit ich nicht ständig ausgestoppt werde. Und wenn ich das vermeiden will oder gar nicht das Geld habe, dann brauche ich einen Markt, der sich eben mal etwas gemütlicher bewegt. Also letztlich fange ich bei mir an, schaffe mir eine Struktur, schaue, wozu habe ich Resonanz, und fange dann mit kleinem Risiko erstmal an, wenn wir hier so ein bisschen so, so vorgehen. Aber ich muss letztlich— das, was du tradest, ist, du tradest nur dich selbst. Wirklich als wichtige Message. Deine Ergebnisse sind letztlich der Spiegel deiner Persönlichkeitsentwicklung. Man kann an Menschen sehen, ob sie bereit sind zu entwickeln. Das siehst du ein Stück weit an der Equity-Kurve über Jahre, jetzt nicht über paar Tage oder Wochen, sondern wirklich langfristig kannst du sehen, okay, manches ist strategiebedingt, das ist klar, wenn es mal einen Drawdown gibt oder so, aber an sich, ob ein Mensch Schritte macht, sich mit sich mit dem Thema auseinandersetzt, siehst du sofort, wenn du so eine 5-Jahres-Equity-Kurve hast, dann weißt du genau auch, wo vielleicht Probleme gelegen haben in den Zeiten. Das sieht man nicht nur am Drawdown dann, sondern auch, wie es dann vielleicht weitergegangen ist. Spannendes Thema, ja.

Investor oder Trader

Lukas: Börse hat ja auch viele Facetten, also es gibt ja langfristige Investoren, kurzfristige Trader, ist alles dabei. Viele Privatanleger sind sowohl als auch auf beiden Seiten unterwegs. Und da hast du mir auch gesagt, das ist dir ganz wichtig zu unterscheiden, wenn wir jetzt in die Psychologie reingehen, Psychologie bezogen auf einen Investor und auf einen Trader. Warum ist es wichtig, da ganz klar zu unterscheiden?

Dr. Raimund Schriek: Und ja, wenn ich es einfach und platt sage, dann investiert also der Investor, investiert über einen gewissen Zeitraum, das können Monate bis Jahre sein. Er ist in der Regel long unterwegs, also sprich, er setzt auf steigende Kurse, und und in der Regel lässt er das Ganze so liegen. Das heißt, er ist eher passiv. Wenn ich mich dieser Gruppe zugehörig fühle, dann bin ich mit Investing genau richtig. Ich könnte Börsensparpläne machen, ich könnte Einmalanlagen machen, die ich dann einfach liegen lasse und schaue, was passiert. Der Trader, der muss reagieren. Der Trader hat möglicherweise, kann auch langfristig positioniert sein, dann arbeitet er aber oft auch mit Stopps und mit Zielen. Und alles, was darunter ist, mittelfristig bis kurzfristig bis in den Scalping-Bereich, da bin ich eben auch darauf angewiesen, dass ich reagiere. Nehmen wir an, letztes Jahr haben wir die Geschichte mit dem Zollthema gehabt. Ich glaube, es war Ende März, Anfang April, müsste ungefähr stimmen. Da kann ich als Investor möglicherweise zugucken und sagen, okay, das sitze ich ein Stück weit aus, oder ich hedge. Als Trader muss ich aber reagieren, weil ich das Kapital von dem ich möglicherweise auch, oder von den Erträgen, von denen ich möglicherweise auch leben will. Ich muss was tun. Ich kann da nicht einfach zugucken und dann entsetzt irgendwann, oder ich sag mal schmerzvoll, da sitzen, sondern ich habe im Prinzip immer das Gegenteil. Ich bin eher passiver und ich habe die Möglichkeit, auf der Long- und der Short-Seite unterwegs zu sein. Hätte der Investor natürlich auch, tut er aber nicht, weil das Wesen des Investors ist da etwas anders. Aber der Trader hat die Möglichkeit zu schauen, hey, ist gerade Hochwasser oder ist Niedrigwasser, oder entwickelt es sich Richtung Hochwasser oder Niedrigwasser. Ich komme von der Küste, da siehst du diese Bewegungen, diese Rhythmen ständig, und da weißt du, okay, beide Phasen haben ihren Charme. Dann den Finanzmärkten sehen wir die letzten Jahre, das ist ja eigentlich eher in Richtung steigende Kurse entwickelt hat. Da können wir eine Linie durchlegen durch die großen Indizes. Aber nichtsdestotrotz ist der Trader eben ein aktiver Mensch, der vor allem sich auch immer mit den Trading-Ergebnissen auseinandersetzen muss. Er hat Gewinn und Verlust, und das ist das, woran er wachsen kann oder sie eben auch wachsen kann, weil das ein Punkt, den der Anleger gar nicht hat. Der kümmert sich in der Zeit um was anderes. Der klassische Trader aber, der ist mit sich beschäftigt, möglicherweise Dinge zu verarbeiten oder auch neue Entscheidungen zu fällen.

Lukas: Das heißt, wie ich es raushöre, als Trader deutlich mehr Zeitaufwand, vielleicht auch mehr emotionale Kontrolle Volle. Du bist eher ein Trader, ja, oder ja, wahrscheinlich ohne eher, voll Trader vielleicht.

Dr. Raimund Schriek: Ich liebe schnelle Ergebnisse. Also ich trade nicht so viel, weil ich viel coache, Seminare entwickle und auch durchführe, natürlich Webinarreihen und Bücher schreibe. Das interessiert mich am langen Ende mehr. Und ich bin, wenn ich trade, bin ich im Daytrading unterwegs. Weil ich es liebe, in Ruhe in die Nacht zu gehen, also weil ich sonst das tatsächlich wahrnehme. Und das ist einfach schon auch ein Kriterium, dass es einfach auch Menschen gibt, die einfach auch ein bisschen Ruhe haben wollen in der Nacht und sagen, ich merke, es wird mir viel, ich spüre das, ich habe die Ungewissheit mit den amerikanischen Märkten, die dann noch kommen, dann die asiatischen Märkte, und wenn ich morgens aufwache, kann die Welt schon anders aussehen. Und um das nicht zu riskieren, bin ich eher jemand, der liebt schnelle Ergebnisse, klar auf den Punkt. Und letztlich, und das ist ein Stück weit auch das Positive von Trading, dass ich das erreichen kann. Denn wir Menschen lieben so was. Die Börse an sich ist für uns eine Herausforderung, weil wir oft erst ja verzögert die Antwort bekommen, weil die Antworten auch nicht so klar sind. Es kann sein, dass ich eine Viertelstunde im Plus bin und die nächste halbe Stunde im Minus. Das heißt, ich habe als Mensch den Umgang mit den Ergebnissen oder auch den Dingen, die sich da am Monitor zeigen, durchaus zu knabbern. Das ist nicht so einfach. Wenn ich jetzt fische oder jage, weiß ich, okay, ich habe das Tier möglicherweise erlegt oder gefangen. Da habe ich ein klares Ergebnis und weiß, wenn ich was habe, kann ich weitermachen oder eben erstmal Pause machen. Wenn ich nichts habe, muss ich weitermachen. So, und bei den Finanzmärkten ist es halt auch so eine Sache, weil ich eben das, was wir Menschen lieben, Kontrolle, Sicherheit, das sind die Bedürfnisse, die uns sehr, sehr stark sind und eben auch evolutionär, dass wir einfach einerseits dieses Soziale haben, diese Gruppengeschichte, und andererseits aber auch dieses Gefühl für, ja, wie ernähre ich mich? Also bin ich Jäger, bin ich Sammler? Also es ist durchaus eine ganz alte Geschichte. Und was an den Finanzmärkten definitiv fehlt, ist das Haptische. Ja, ich kann, wenn wir zwei hier vor uns hin handeln würden mit Chips oder so, also Jetons, dann würden wir schnell merken, der eine Haufen wird größer, der andere wird vielleicht kleiner, und wir würden sagen, reicht. Das, was am Monitor ist, ist für uns alle eine Herausforderung. Ob da 50.000 steht, 5.000 oder 50 Euro, ist am langen Ende, ich weiß, da sagen vielleicht einige, das ist ein Unterschied, Ja, aber das Gefühl, wir können kein Gefühl wirklich dazu aufbauen. Da fehlt uns was. Das sehen wir sehr wohl, wenn hier 50.000 Steine gelegen haben und dann nur noch 20 übrig sind. Dann wissen wir, das war nicht so gut.

Lukas: Geht es also darum, irgendwie auch so ein Gefühl aufzubauen dafür? Oder geht es darum zu akzeptieren, dass die Gefühle dort jetzt vielleicht gar keinen Raum haben, sondern das eine rationale Sache ist?

Dr. Raimund Schriek: Also es geht darum, eine Routine aufzubauen, dass man mit dem, was man tut, sehr gut umgehen kann. Und das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Es gibt Leute, die werden nervös, wenn ihre Position 1€ im Minus ist, und rufen beim Broker an. Also solche Geschichten gibt es. Also ich muss einfach lernen, und ich muss gucken, was ist das Ziel? Also was ist das Ziel? Will ich Geld verdienen? Und das ist bei vielen gar nicht in erster Linie. Es gibt Leute, die wollen auch Zeit verbringen, die wollen sich entwickeln, die wollen auch über die die Börse ihr eigenes Tun, ein paar Geschichten entwickeln, die dann oft aber auch traurig sind. Man muss sich genau fragen, hey, was will ich hier? Will ich Geld verdienen? Dann verhalte ich mich auch wie jemand, der Geld verdienen will. Dann fange ich vorne an. Ich schaue nach dem Markt, der zu mir passt. Ich gucke nach einem Produkt, das ich verstehe. Und dann beginne ich vielleicht damit, einen großen Plan, also die Architektur zu erstellen und sagen, hey, Plan, dann Strategie, wie setze ich das um? Und am langen Ende noch das Tagebuch, womit ich mich auch so ein bisschen selber prüfen kann, um zu schauen, okay, was habe ich da gemacht? Da meine ich nicht nur die Zahlen, sondern da meine ich eben auch, was man da sonst noch eintragen kann. Gefühle, Verbesserungsvorschläge und dergleichen. So, das wäre eigentlich der Fahrplan, wie man losgehen kann. Und dann möglichst straight sich auf die Sachen konzentrieren und nicht die ganzen Nebengeräusche. Es gibt Newsletter, es gibt Podcasts, es gibt alles, es gibt viele, viele Finanzveranstaltungen. Und letztlich geht es darum, dass du dich selber entwickelst und was findest, mit dem du gut durch den Finanzmarkt oder durch dein finanzielles Leben kommst. Und da sind viele Nebengeräusche selten hilfreich, weil wir sie alle verarbeiten. Weißt du, die Augen kannst du zumachen, die Ohren nicht. Alles, was du gehört hast, das musst du erstmal verarbeiten. Und wenn du gehört hast, das ist jetzt ein super Tipp, beispielsweise gerade in Gold zu investieren oder gerade den DAX zu kaufen, weil die 25.000, da ist doch die 30.000 schon fast um die Ecke. So, das macht was mit uns, das bleibt hier hängen. Und dann ist es letztlich auch so, dass wir darauf die nächste Entscheidung möglicherweise auch begründen. Also eine Entscheidung, die wir dann— wir müssen es nur oft genug hören. Neurowissenschaftlich sagt man, dreimal muss man es gehört haben. Ich finde zwar meist mehr, weil die meisten Leute bei 3-mal vielleicht noch nicht reagieren, aber spätestens wenn, ich erwähne es mal, in der Bild-Zeitung zu lesen ist, dass jetzt die Kurse steigen, dann ist Vorsicht geboten. Das heißt, man kann auch immer gucken, natürlich, was machen die anderen, aber ich glaube, erfolgreich kann man vor allem auch dann sein, wenn man was ganz anderes tut als die anderen, wenn man die Welt anders sieht, wenn man einen anderen Fokus nimmt, weniger das Ergebnis, guckt eher den Prozess. Weil dann hast du auch langfristig eine Chance. Du bist jetzt jung, du kannst viele Erfahrungen noch sammeln, aber diejenigen, die vielleicht später in die Finanzmärkte einsteigen mit diesen Gedanken, die sollten sich vielleicht auch, ja, diesen Weg, den kann man im Prinzip abkürzen mit den ganzen Fettnäpfchen, wenn man genau hinschaut, wenn man lernt und wenn man sich mit sich auseinandersetzt. Ein Spiegel ist da sehr hilfreich.

Was im Gehirn passiert

Lukas: Gutes Sinnbild. Du hast jetzt am Anfang schon erwähnt, mittlerweile gehst du vertieft in die Neurowissenschaft mit rein. Jetzt hast du es auch wieder angeschnitten. Was ist denn so körperlich wahrnehmbar, emotional, oder ja, bei Menschen, die jetzt traden?

Dr. Raimund Schriek: An, ja, ich gucke mal, wenn ihr mal einfach 2, 3, 4 Hirnbereiche raus, die, die bei diesen Prozessen eine Rolle spielen. Da wäre zunächst mal natürlich das Rationale, also sprich der präfrontale Kortex, der allerdings aus der Stress- und Stress so ein bisschen, ich sag mal, in den Hintergrund tritt. Der ist eher für das Rationale im Sinne von, ja, ich setze, habe eine Strategie, die setze ich jetzt eins zu eins um. So, das wäre gut, wenn wir einfach nur aufgrund dieser Geschichte entscheiden würden. Aber wir haben auch andere Bereiche. Die Amygdala, die wird, ich sag mal, da werden Emotionen verarbeitet, drücke es mal so aus. Und Emotionen beim Trading sind ganz klar, wir sehen das im Auf und Ab der Märkte, im Auf und Ab einzelner Märkte. Wir sehen es im Großen, wenn wir uns den DAX angucken, im Prinzip unsere Gefühle natürlich auch, Gewinn und Verlust, beziehungsweise Angebot und Nachfrage sehen wir da natürlich auch drin. Wir sehen einfach verschiedene Komponenten, so ein Schwarz-Weiß-Sehen im Prinzip, und dann geht es einfach hoch und dann geht es irgendwann wieder runter, mal mehr oder weniger ausgeprägt. Das kann ich aber auch in meinem eigenen Chart beobachten, Das kann ich in meinem Konto beobachten, das kann ich in mir beobachten. So, und diese Emotionalität, die sich da vielleicht entwickelt, die sorgt vielleicht auch für die eine oder andere Entscheidung, die ich gar nicht fällen wollte, weil ich präfrontal nicht mehr so oft das auf der Rille habe, dass ich das eigentlich tun wollte, sondern möglicherweise schnell einen Verlust ausgleichen will. Dann habe ich das ganze dopaminerge System, was letztlich dafür sorgt, dass wir bei Überraschungen, positiv wie negativ, vielleicht auch Dinge tun, die die wir gar nicht vorhatten. Wenn wir euphorisiert sind, dann machen wir Trades, die, wo wir vielleicht großzügiger sind, das Geld mal wieder in die Märkte schmeißen. Wenn wir vielleicht gerade eins auf die Nase bekommen haben, kann es sein, dass wir sagen, okay, das probiere ich jetzt noch mal. Und die meisten machen es in dieselbe Richtung, weil hat einmal nicht geklappt, wird doch zweimal nicht klappen. So, dann bist du schon mal richtig dabei. Das heißt, wir haben da so die Emotionen, wir haben die Dopamingeschichte, und dann haben wir noch die Insula. Die Insula lässt dich das körperlich wirklich spüren. Die lässt deinen Blutdruck steigen, die lässt dich schwitzen und so weiter. Also nicht das Organ selbst, sie ist ein Stück dabei beteiligt. Das Ganze nennt man interozeptive Geschichten. Und da kannst du einfach körperlich auch real spüren. Und es gibt Leute, die schwitzen beim Traden, die haben Blutdruck, die sitzen davor, als wollten sie gerade in den Monitor kriechen, um den DAX dahin zu schieben, wo er vielleicht hin soll. Das heißt, das Hirn ist bei der Steuerung dieser ganzen Prozesse sehr beteiligt. Also eine sehr komplexe Geschichte. Wir haben das jetzt hier mal auch so ein bisschen vereinfacht. Und du kannst es körperlich spüren, was da passiert. Ja, du hast das Rationale, du hast das Emotionale, du hast das Körperliche. Und dann hast du noch das Belohnungssystem, was da letztlich auch noch sagt, okay, mehr davon, das fühlt sich gut an. Und vor allem, wenn etwas passiert, wovon wir überrascht sind, steigt der Dopaminspiegel. Wir lieben dieses Gefühl, wir sind im Überschwang, vielleicht freudig, vielleicht überrascht. Und dann fährt das Hirn so seinen eigenen Kurs und denkt, oh, Strategie war gestern, das geht ja auch so, das habe ich ja gerade auch so hingekriegt. Oder also interessant, was da zwischen den zwei Ohren passiert.

News, Tempo und Informationsflut

Lukas: Ist das vielleicht heutzutage gerade eine Zeit, wo viel Viele Fehler passieren aufgrund dessen, weil wir sind alle dopaminsüchtig, Instant Gratification durch Benachrichtigungen, alles kommt immer sofort. War das vielleicht vor 20, 30 Jahren anders? Hast du da Einblicke?

Dr. Raimund Schriek: Das war definitiv anders. Also das Verhalten war vor allem nicht so, so schnell. Das heißt, durch die, durch die schnellen Leitungen, die wir auch haben, durch die schnellen Mitteilungen, bekommen, egal welchen Feed wir jetzt hören, egal welcher Politiker was sagt, wir sind direkt, wir sind quasi live dabei, als wenn wir daneben stehen würden. Und das zwingt uns ein Stück weit, meinen wir zumindest, zur Handlung. Wir fühlen uns möglicherweise bedroht, also in Anführungszeichen, unsere Position fühlt sich vielleicht bedroht. Wir sehen das, wollen retten. Die Frage ist aber, ob diese Rettung überhaupt notwendig ist. Wir können, wir müssen im Prinzip dieser Reiz von Information, dieser Reiz von wir lesen was, wir hören was, wir sehen was, Tja, diesen Reiz müssen wir ein Stück weit erstmal für sich stehen lassen und einen gewissen Abstand dazu gewinnen. Dieser Reiz, den dürfen wir zwar wahrnehmen, aber man darf erstmal Ruhe walten lassen, bevor wir entscheiden und dann wirklich auch reagieren. Und da ist der Knackpunkt, durch das genau, was du sagst, dass das alles— ich habe, schreibe, also es ist gerade schon durchs Lektorat, das Buch. Ich habe da ein Kapitel auch darüber geschrieben, was es eben macht, dass wir YouTube haben, dass wir xReddit haben, dass wir Politiker haben. Und sie erhöhen massiv den Druck, in Anführungszeichen, weil diese Informationen, die bei uns ankommen, lösen in uns den Druck aus. Und das führt uns zu Trades, die wir oft vielleicht nicht wollen. Ein Revenge-Trade, ein Chasing-Trade, also ich jage einer Position hinterher, einfach auch, weil vielleicht nur kurzfristig unsere Position richtig eins auf die Nase bekommt. Hat durch diese Nachricht und sich das aber vielleicht Sekunden später schon wieder erholt hat. Aber dadurch, dass wir so schnell reagieren können, machen wir eben auch viele Sachen, die wir besser nicht tun sollten.

Lukas: Wie unterscheide ich denn zwischen News, die einfach da sind, um News zu sein, und News, die vielleicht relevant sind für mich, für mein Trading, für meinen Investmentansatz?

Dr. Raimund Schriek: Ich sage mal, ein guter Börsenkalender ist hilfreich, und ansonsten, wir haben hier die Tafeln hinter uns, das ist die Wahrheit, das ist der aktuelle Kurs. Für den kann ich mir überlegen, kaufe ich oder verkaufe ich, gehe ich eine Position ein, gehe ich möglicherweise mit einem Derivat eine Position ein. Und ich weiß, Charttechnik, es geht um Wahrscheinlichkeiten, ganz wichtiger Punkt natürlich. Dennoch, ich muss mir immer in der Ist-Situation überlegen, denn es kann immer beides passieren. Die Kurse können steigen und die können fallen, selbst wenn nicht zigfach ein Widerstand vielleicht getestet wurde oder vielleicht zigfach wenn bestimmte Dinge sich wiederholt haben. Es gibt Aktien, die verhalten sich sehr rhythmisch, oder manche machen ständig Kurslücken, also Gaps, wo man dann auch sieht, okay, Hewlett-Packard hat das vor vielen Jahren gemacht, da könntest du fast drauf wetten, dass aus der Branche was kommt. Oder Biotech-Aktien machen das auch. Das heißt, im Prinzip muss ich das Wesen dessen, was ich da handele, mir genau angucken. Hat das Besonderheiten? Gibt es bestimmte Marktzeiten, wo sich das lohnt, wenn ich jetzt als Trader unterwegs bin. Gibt bestimmte Tage. Ansonsten mein Tipp immer, einen Wirtschaftsdatenkalender zu schauen. Wann sind die großen Reden, EZB, oder wenn die Amerikaner was zu sagen haben, wann sind die großen Reden, wann sind die Arbeitszahlen, wann sind die anderen Marktdaten. Also alles, was im Prinzip mit Wirtschaftszahlen zu tun hat und meine Position beeinflussen könnte. Ja, das ist was, wo ich drauf gucken würde, und da gibt es einige, die sehr, sehr gut sind, wo man auch einstellen kann letztlich, welche Länder, welcher Bereich und so weiter. Das ist schon ganz gut.

Lukas: Also gar nicht so oft Neues hören, sondern auf die rohen Zahlen, Daten, was steckt dahinter, um wirklich so das Wesen rauszufinden.

Dr. Raimund Schriek: Ja, wobei ich, da bin ich bei dir, wobei der Punkt, dass ich vorher eine Strategie habe, die sattelfest ist, die ich geprüft habe, die positiven Erwartungswert hat, die dann möglicherweise auch diesen Situationen standhalten sollte. Ja, also wenn ich jetzt meine, okay, ich bin halt länger im Markt, dann kann ich mir überlegen, ob das zweckmäßig ist. Aber wenn ich an einem Tag unterwegs bin oder im Scalping-Bereich, sollte ich schon gucken, welche Nachrichten gerade für meine Position relevant sind.

Lukas: Das heißt, man muss schon sehr informiert sein als Investor, besonders als Trader. Man muss wissen, was abgeht, welche Firmen auch gerade einen Aufschwung haben.

Dr. Raimund Schriek: Ja und nein. Also ich habe das lange propagiert, und da hat mich letztes Jahr beim Börsentag in München jemand daran erinnert. Ich habe immer gesagt: eine Strategie, ein Markt, ein Trader. Also ein Trader Du oder ich, eine Strategie, okay, und ein Markt. Und wenn ich den Markt gut kenne, also ich weiß, es gibt auch Menschen, die leben halt auch im Harem, kann man überlegen, ob das allen gut tut. Aber dieses Prinzip Face-to-Face, also ich und mein Markt in jeder Situation, das hat schon was. Und ich kann ja immer das Risiko auch gucken, wie hoch ist die Volatilität. Ich kann ja auch meinen Markt, der mir wirklich naheliegt, kann ich ja auch die Positionen anpassen. Ich bin ja nicht insofern darauf aus, dass ich immer dieselbe Positionsgröße nehmen muss. Ich kann ja auch sehen, okay, ich nehme halt einen Durchschnitt von was auch immer, oder ich kann das ja auch variieren. Also für mich ist es, einen Markt richtig gut kennen, und wenn ich den richtig gut kenne, kann ich mir vielleicht einen zweiten oder dritten zulegen. Aber letztlich reicht auch ein Markt wirklich. Man kann in einem Markt sehr gut Geld verdienen. Bei entsprechender Volatilität.

Verlustangst und andere Denkfehler

Lukas: Jetzt hast du vorhin gesagt, du hast selber schon einige Fehler gemacht, und viele Fehler, psychologische, hast du dann auch bei Kunden wiederentdeckt, als Coach auch. Was sind denn so typische Fehler, die ein deutscher Privatanleger oder ein typischer Trader so macht?

Dr. Raimund Schriek: Also die Angst vor Verlusten, fangen wir vielleicht mit der an. Einen kleinen Verlust mitzunehmen ist immer ratsamer, als erstmal einen großen auflaufen zu lassen. Aber kann ich auch, kann ich aus dem Nähkästchen plaudern, ich habe als Jugendlicher oder junger Erwachsener einfach auch sehr viel aushalten müssen, und meine Schmerzgrenze lag immer sehr hoch, warum auch immer. Die Gründe sind jetzt egal. Beim Trading war das dann aber auch so, dass -100 mir noch nicht weh tat, -200 mir noch nicht weh tat, -300. Bei -500, da wurde ich dann langsam nervös. So, und das ist einfach keine gute Voraussetzung. Das wusste ich damals noch nicht in dem Sinne, dass ich wusste, das ist mein eigenes Thema. Soweit war ich sehr, sehr lange zurück. Und wenn ich mir einfach da sage, okay, wo ist meine Schmerzgrenze, dann bin ich schon mal weiter, weil ich diese Schmerzgrenze möglicherweise dann einhalte und dann wirklich die Position glatt stelle. Wenn ich aber sage, na ja gut, jetzt spielt es auch keine Rolle mehr, lass das laufen. Also Verlustaversion ist ein großes Thema. Damit einhergehend dann aber oft auch Sicherheit. Ich will Sicherheit haben, heißt auf der anderen Seite, Verluste lasse ich möglicherweise zu weit laufen, heißt auf der anderen Seite, Gewinne nehme ich möglicherweise zu früh mit, weil ich gerne mein Geld wieder auf meinem Konto sehen würde. Das ist aber auch keine Gewinnerstrategie. Das heißt, ich brauche schon ein Ziel, bis wohin das gehen kann, ob das jetzt charttechnisch ist, ob das, woraus, ob das jetzt zeittechnisch ist, also Markteffekte, Handel oder was auch immer, das ganz egal. Aber ich brauche auf der Verlustseite einen Stopp, einen klaren, und auf der Gewinnerseite ein Ziel, was ich begründen kann für mich, was ich ableiten kann. Das darf kein Fantasieziel sein. So, und letztlich findet mein Trading zwischen diesen beiden Grenzen, Stopp und Ziel, statt, sonst gar nicht. So, das ist erstmal das eine Wichtige. Und leider, bei dem Verlust wird versetzt, wird wird verschoben, wird rausgenommen, ist einfach Verlustschmerz. Und da kann ich jedem wirklich nur raten, damit zu arbeiten. Ich weiß, dann kommt jemand gleich um die Ecke, da hätte ich den dafür, da wäre ich ausgestoppt, dann ging es wieder in die andere Richtung. Da muss man einfach drüber nachdenken, inwieweit man die Volatilität bei der Stoppsetzung betrachtet hat. Ist so eine Geschichte. Das ist das eine. Gut, die Sicherheit haben wollen, etwas kontrollieren wollen, es spielt auf der anderen Seite eine große Rolle. Und dann letztlich alles was man sich so zurechtlegen kann. Es gibt einfach Menschen, die haben 3 Depots. Das Depot mit der Strategie, die gut funktioniert, das Depot mit der Strategie, wo naja, und dann, wo wir sowieso Geld verbrennen. So, das heißt klassischerweise mentale Konten. Ich habe, in der Behavioral Finance würde man das so ausdrücken, würde sagen, okay, du hast aber einen Topf Geld. In unserem Kopf haben wir aber 3, und aus dem einen bezahlen wir dies, aus dem nächsten das und so weiter. Wir sehen da diesen Zusammenhang nicht, dass das letztlich unser gesamtes Geld ist. Das sind so ein paar— Kontrolle ist uns natürlich auch wichtig, Kontrollmechanismen. Und letztlich geht es für mich immer nur darum, es gibt emotionale Fallen, es gibt kognitive Fallen. Ich habe da lange Jahre drüber nachgedacht und denke, okay, die emotionale Falle ist einfach so, naja, ich habe Angst vor Verlust. Oder vor nicht genug Gewinn, also, oder krieg nicht genug Gewinn. Das ist das eine. Und ich habe leider nicht die Kontrolle. So, das sind diese ganzen Dinge, die sich beim emotionalen Verhalten zeigen. Und auf der anderen Seite so ein bisschen Überheblichkeit. Also ich weiß es besser. Das ist das Kognitive. Ich weiß es selbst besser als meine von mir entwickelte Strategie, weil ich bin ja der Entwickler. Und das sehe ich auch ganz oft, dass Menschen, die wirklich gute Strategien entwickelt haben, dann irgendwann doch sagen: Nee, Ich mache das anders, ich will diese oder jene Aktie jetzt nicht. Und dann gibt es ganz skurrile Sachen. Ich habe einen Klienten, vielleicht hört er das jetzt, der hat einen Filter aus dem Universum von 2000 Aktien, und eines Tages wurde die Borussia Dortmund Aktie ausgespuckt. Schon ein paar Jahre her. Die hat er nicht gehandelt, nicht etwa weil er Bayern-Fan war oder anderes, sondern weil er mit Fußball nichts anfangen konnte. Und dann hat er wochenlang zugeguckt, wie die Aktie genau das tat, was was er letztlich vorhergesehen hatte, weil so war sein System. Und das heißt, wir haben auch so Dinge, dass wir an bestimmten Branchen ankern, weil wir meinen, die kennen wir ganz gut. Ja, jemand aus der Automobilindustrie handelt oft auch Automobilaktien oder aus der Finanzindustrie Aktien, die eben mit Banken zu tun haben. Und da ist die Frage, wie gut wir uns wirklich auskennen. Dann kommt das Thema dazu, dass wir vor allem im Inland gucken. Weil wir meinen, wir kennen uns, Stichwort hier Home Bias, wir kennen uns besser damit aus als mit dem, was vielleicht außerhalb läuft. Ich selber bin auch ein Fan, weil ich finde, wir haben genug, was wir im Inland handeln können. Es hat allein teilweise auch währungstechnische Gründe, auf die man da nicht achten muss. Das sind steuerliche Sachen, die wir weniger beachten müssen. Im Inland zu handeln hat auch schon Vorteile, aber wir wissen alle, die Welt ist größer als Frankreich, Frankfurt oder Deutschland, und insofern kann man woanders natürlich auch damit gut unterwegs sein. Das sind so ein paar klassische Sachen. Oder zu Ankern, also den vielleicht noch als wichtigen Punkt: Wir eröffnen ein Konto bei 5.000 € oder bei 10.000 €. Was ist für uns wichtig? Die 5.000, nehmen wir einfach die 5.000 jetzt als Beispiel. Die 5.000 sind wichtig, die sind unser Anker. Wir wissen, wir haben genau das eingezahlt, fällt das Konto auf 3.000, auf 2.000, wissen wir, die 5, da haben wir gestartet, wissen wir immer, die 5. Wir tun alles, um auf die 5 wiederzukommen, schaffen wir vielleicht auch, und dann bei vielen ist es so, dass dann gar nichts mehr geht und dann tatsächlich es wieder in die andere Richtung geht. Dieser Anker ist äußerst schlecht für uns, der ist nicht wirklich hilfreich. Wenn wir ein Konto eröffnen würden mit 3.700 768,24 €, würden wir uns das wahrscheinlich nicht merken können. Und unser Ziel ist es eigentlich, jeden Tag neu zu entscheiden, oder beziehungsweise neu den Anker zu legen. Das Konto hat heute 4.320 €, nächsten Tag vielleicht 5.270 €, was auch immer. Ich habe jetzt einen großen Sprung gemacht, und das ist unsere neue Referenz. Wenn wir eine Referenz haben, die wir uns gut merken können, gut, kommen wir oft entweder von oben oder von unten wieder in diese Richtung, aber wir haben falschen Fokus. Das kann man bei vor allem bei Kontoeröffnungen sehen, das sind immer fast immer glatte Summen, und das ist auch unser Anker, und der hält uns leider oft doch auf. Also ist auch so ein Punkt, wo man drüber nachdenken kann.

Wie Einsteiger eine Routine aufbauen

Lukas: Was ich mir ganz schwer vorstelle für einen Anfänger, der kommt jetzt rein, informiert sich, ist vielleicht dann auch, überschätzt sich ein bisschen, macht deswegen Fehler und hat dann aber Angst, ja, weil Fehler gemacht. Und wie findet man jetzt diesen Sweetspot zwischen nicht überheblich sein und, und diese Angst, Verluste wieder zu erfahren, die man vielleicht schon erfahren hat?

Dr. Raimund Schriek: Okay, ich fange kurz anders an. Es wäre wichtig, dass jeder, der tradet, letztlich einen festen Arbeitsplatz zu Hause oder wo auch immer hat. Mit einer LAN-Verbindung. Da fängt es schon an. Alle anderen Sachen, die gemacht werden, zählen ein Stück weit auch zu Spielen, Gaming, nenn es wie du willst. So, in dem Augenblick, wo ich eine gewisse Klarheit da habe, dass ich da sitze, laufen die Dinge schon mal ein bisschen anders. Guter Raum, Wasser, vielleicht ein paar Nüsse bereitgestellt, was auch immer. Ruhe für mich, vielleicht richtige Lichteinstrahlung, nichts, was ablenkt. So, und dann erfahre ich natürlich trotzdem wie du sagst, Verluste, die können mich ereilen. Und dann ist die Frage, wie gehe ich damit um? Also die werden mich immer ereilen. Ich muss das Bewusstsein dafür bekommen, dass ein Verlust dazugehört, genauso wie ein Gewinn. Und bestenfalls mache ich entweder mehr Gewinne als Verluste bei gleicher Höhe, oder ich mache bestenfalls durchschnittlich höhere Gewinne als durchschnittliche Verluste, wenn es sich so 50:50 ausgeht. Und dann liegt die Aufgabe im Prinzip bei mir, zu lernen, wer tradet da, aus welchem Grund habe ich das gemacht, warum habe ich mich vielleicht an meine Regeln gehalten oder nicht, muss ich am Regelwerk was justieren. Da kommt das Trading-Tagebuch dazu, was mich eigentlich begleitet und mir ein Stück weit hilft, immer wieder zu gucken, habe ich mich an die Dinge gehalten, kann ich die Dinge verbessern, wie fühle ich mich damit. Das heißt, du hast keine Chance, den Verlust letztlich zu vermeiden. Der gehört dazu. Und die Frage ist natürlich, wie hoch du ihn werden lässt und wie sehr er dich angreift. Und da spielt die Frage tatsächlich nach dem Risiko, was du eingehst, eine große Rolle. Wenn du jetzt dein Depot gleich mal um 10% eliminierst mit einem Trade, dann macht das was ganz anderes, als wenn du im Prozentbereich oder im halben Prozentbereich unterwegs bist. Und das spürst du natürlich auch körperlich. Das ist wie eine kleine Brandblase. Stell dir vor, du hast auf die Herdplatte gefasst und die siehst du erst mal noch ein paar Tage. Und anders als bei jemandem, der vom Pferd fällt, wo man sagt: Steig bitte gleich wieder auf, ist mein Tipp und die Erfahrung der letzten vielen, vielen Jahre, mittlerweile Jahrzehnte, dass ich sage: Okay, wir müssen erst mal schauen, warum ist das passiert? Warum ist es vielleicht in der Ausprägung passiert? Und wie gehst du in Zukunft damit um? Die Angst schwingt definitiv mit, und ein Stück weit muss geschaut werden, wo kommt die Angst her. Also, um es mal hier sehr vorsichtig auszudrücken, man kann das natürlich viel tiefer gucken. Da gehst du dann schon an die Arbeit mit jemandem und schaust, okay, wo hast du im allgemeinen Leben Ängste? Denn letztlich machst du, du bist ja du. Wenn du als Lukas tradest, dann wirst du dich selber traden, genauso Und wenn du meinst, hey, du musst hier übertreiben und richtig fettes Risiko gehen, dann bist du in anderen Lebensbereichen möglicherweise auch so. Nicht immer, ist nicht immer eins zu eins. Es gibt Leute, die traden Bundesschatzbriefe und fahren schwarze Pisten im Ski, und gibt es schöne Studien drüber. Also das kann man nicht verallgemeinern. Aber nehmen wir mal an, du wärst jetzt, du würdest dich traden als Person, dann bist du entweder im Leben vorsichtig, also bist du möglicherweise in beiden Richtungen vorsichtig. Und achtsam. Wenn du aber sagst, was kostet die Welt, zack, noch ein Trade hinterher, dann ist das ein Stück weit vielleicht auch dein Lifestyle. Und da ist es schon wichtig zu schauen, wie sieht es mit meinem Geld überhaupt aus, wo habe ich das her. Ist übrigens auch ein interessanter Punkt: Selbstverdientes Geld ist viel— da tun wir, da passen wir viel besser drauf auf als ererbtes Geld, geklautes Geld, gefundenes Geld, vom Finanzamt erstattetes Geld. Gut, kommt nicht vor, aber so im Prinzip, weißt du. Wenn du für dein eigenes Geld gearbeitet hast, weißt, wie viel darin steckt, dann gehst du damit ganz anders um. Und es klingt vielleicht so ein bisschen martialisch, aber ich sage immer, ein Trade ist ein Stück weit auch wie ein Baby, wie ein Kind, da muss man drauf aufpassen. Und ja, manchmal kriegt es Schnupfen, das sind die kleinen Verluste, aber schwere Verletzungen darf es eigentlich nicht davontragen. Das ist meine Aufgabe, mich darum zu kümmern. Und durch die Schnelllebigkeit, durch den Informationsfluss durch das wir eigentlich, wir stehen ja quasi, jetzt sitzen wir ja am Parkett, aber im Prinzip, wenn wir zu Hause sind, sind wir auch auf dem Parkett. Das geht ja heute in, ja, und es kostet kaum was, das kommt noch dazu. Und das verführt uns natürlich ein Stück weit auch eben, Dinge in Zeiten zu machen, wo wir das besser sein lassen sollten. Es ist ähnlich wie mit dem Handy. Das Handy haben wir eigentlich immer bei uns, dabei sollten wir es vielleicht mal 4 Stunden am Tag in irgendeine Ecke legen, willst, wenn wir es nicht brauchen. Und beim Traden, ich kenne zahllose Leute, die gucken immer, wie steht's mit meinem Depot, wie steht's mit meinem Trade, sekündlich, minütlich. Die können gar nicht davon ablassen. Und wir brauchen eine Distanz dazu. Und diese Distanz können wir entwickeln durch Routinen, durch Pausen, bewusste Pausen, durch Sport, durch was auch immer. Das sind wesentliche Aspekte, damit man auch lange Jahre traden kann und nicht nur vielleicht 2, 3, 4 Jahre, bis man erschöpft nicht mehr weiter kann.

Persönlichkeitsmanagement

Lukas: Ja, finde ich super Gesprächsverlauf. Wir haben jetzt beim Ich angefangen, sind über Psychologie, Neurowissenschaft wieder beim Ich gelandet, ne? Ja, ist bisschen der Kern für mich irgendwie von dem Gespräch. Ja, vielleicht ein bisschen konkret jetzt gegen Ende. Du hast gerade schon erwähnt, hey, so ein Trading-Tagebuch kann sinnvoll sein, um sich selber kennenzulernen, Muster irgendwie zu erkennen. Warum und was gibt es vielleicht noch für andere Möglichkeiten, die einem selber helfen können, rational gute Entscheidungen zu treffen?

Dr. Raimund Schriek: Also mir wirklich ein gutes Persönlichkeitsmanagement zuzulegen. Also so witzig das klingt, ausreichend Schlaf, damit fängt das an. Bestimmte Tradingzeiten und die dann auch einhalten. Wenn ich morgen eine Vormittagssession trade von 8 bis 12 von mir aus, ich weiß, die Märkte machen das so, also ich bin mit Vorbereitung und Nachbereitung von 8 bis 12 12 unterwegs, dann fange ich nicht an, am Nachmittag zu daddeln in Amerika oder gucke mir dann sonst was an. Also sprich, ich, ich entwickle was, was zu mir, meinem Lifestyle, meinem Leben, meinen Umständen, meinem Konto passt, und das setze ich dann eins zu eins um. Das ist auf jeden Fall taktisch schon mal schlauer. Ich gucke auch, dass ich nicht irgendwas handel, was ich gerade gehört habe oder gesehen habe, sondern ich bleibe bei dem, was ich gut kann. Also ich sag mal, ein Physiker bleibt auch eher im Physiklabor, als dass er im Wald rumläuft. So, und beim Trading haben wir aber so viele Möglichkeiten. Wir haben, brauchen, meinen, wir brauchen diesen Fokus nicht, aber dieser Fokus bringt uns, trägt uns letztlich weiter. Das Trading-Tagebuch ist ja weit mehr als Zahlen. Das Trading-Tagebuch enthält möglicherweise auch eine Spalte: Wie geht's mir heute? Wie verarbeite ich den Gewinn oder den Verlust? Das geht darum, wie Wie fühle ich mich gerade? Lasse ich gerade die schlechte Laune nachher an meinen Liebsten aus, wenn ich dann vom Trading-Desk aufgestanden bin? Spielen viele Dinge eine Rolle. Was kann ich verbessern? Oder wo sehe ich etwas, was heute vielleicht merkwürdig oder besonders war? Und wenn ich das— ich bin zwar so ein handschriftlicher Freund, aber so eine Excel-Tabelle hilft da durchaus, weil ich mit bestimmten Keywords einfach auch immer wieder Situationen suchen kann. Und wenn ich eine Strategie habe und feststelle, dass sich Märkte vielleicht verändert haben im Sinne von Volatilität, dann lohnt es sich vielleicht manchmal, vielleicht ein paar Punkte mehr auf der Stoppseite nach unten zu gehen, das Risiko etwas zu vergrößern und vielleicht, je nachdem, auf der anderen Seite das auch anzupassen. Und dafür hilft mir ein Trading-Tagebuch. Wenn ich sehe, Moment, 10-mal ausgestoppt im letzten Monat, hätte ich nur 2 Punkte mehr Risiko genommen, als beispielsweise, denn das DAX-Beziehung, mal sagen wir 10, 2 ist ein bisschen wenig, dann wäre ich nur 3-mal ausgestoppt worden. Also das heißt, ich spiele mit meinen eigenen Daten, und das ist was, was auf jeden Fall hilft. Und ansonsten guter Ort, Wohlfühlort. Ich selber, ich sag's, klingt für viele komisch, aber es gibt viele Fans mittlerweile, die ich damit habe, kleine Kerze anmachen, nicht im Sinne von Beistand bitten, sondern im Sinne von es Ruhe im Raum. An der weißen Kerze siehst du durchaus sowas. Immer Wasser da haben, um im Fluss zu bleiben. Immer auch ein paar Bewegungsübungen machen am Schreibtisch. Oder, kann jetzt nicht jeder, aber ich habe, wenn ich, habe auch nur ein kleines Büro, aber ich lege mir oft den Chart auf den Beamer und laufe quasi auf und ab. Also ich bin in Bewegung und ich, während du tradest, also ich sehe das dann, ja. Und ich habe das schon oft auch mehreren Brokern schon empfohlen, dass sie nicht mal Charts mit Musik unterlegen. Im Sinne von, wenn es dramatisch wird und steigt, dass die Musik dann eine andere ist, als wenn es so in der Seitwärtsphase hin und her plätschert. Und durch die Möglichkeit, wenn du einen Chart über auf den Beamer legst, dann siehst du es halt richtig groß. Und dann ist wichtig, dass der Chart nicht bis an den rechten Rand geht, sondern dass du die Fantasie hast, wie kann sich das weiterentwickeln. Denn letztlich, wenn wir genau hingucken, das sind alles Wiederholungen, mehr oder weniger stark, ja, immer wieder. Und bestimmte Märkte machen, ich will nicht sagen ständig dasselbe, vielleicht dann auf anderem Niveau. Also klar, die Kurse steigen, aber dass du bestimmte Dinge siehst oder dass du bestimmte Tagesverläufe eins zu eins anderen Tagesverläufen, eins zu eins in Anführungszeichen, zuordnen kannst, das ist schon was, wo man durch gute Beobachtung— ich sage immer, ein Trader, der auch Fischer oder Jäger ist, der braucht auf jeden Fall oder hat auf jeden Fall schon mal Geduld, weil ihm die Tiere nicht direkt ins Netz laufen, springen, oder die Tiere laufen, sondern ich kann hier ganz anders agieren. Also ich bin im Prinzip, alles was mir als Mensch auf der körperlich-geistigen und seelischen Ebene gut tut, das wird letztlich meinem Trading auch zugutekommen. Eigentlich kann man es so einfach sagen. Sauerstoff ist wichtig, Bewegung Bewegung ist wichtig, denn letztlich ist es ein Job, wo man sitzt. Und das ist allein schon, wenn du, wenn du es ein bisschen größer gestaltest und die Möglichkeit hast, hilft dir das schon, weil du dich eben bewegen kannst.

Sein wichtigster Tipp

Lukas: Vielleicht abschließend von dir, wenn du jemandem einen Tipp mitgeben kannst, der jetzt gerade dabei ist, bemerkt hat, hey, rein psychologisch, da gibt es noch einiges, woran ich arbeiten kann, das ist vielleicht eine große Baustelle, warum es nicht läuft, vielleicht ein von dir an die Person, die uns gerade zuschaut? Was wäre so das Wichtigste, auf das man achten sollte?

Dr. Raimund Schriek: Bei so vielen Dingen, die wir schon besprochen haben, spannender Punkt. Vielleicht ist das Wichtigste zu schauen, wer bist du, und das aber auch dann eins zu eins umzusetzen. Also was tut mir gut? Was tut mir gut? Wir wissen es beim Essen, wir wissen es beim Trinken, und wir wissen, wovon wir die Finger lassen. Die Finanzmärkte liefern uns ein Füllhorn von Dingen, das ist abgefahren viel, dass wir lernen, uns zu begrenzen. Also ein Stück weit vielleicht ganz simpel, einfach mal den Fokus enger machen, kleiner werden, sich auf vielleicht wenig zu konzentrieren und da die Lupe anzulegen und immer jeden Tag auch fragen: Ist es das wirklich, was ich jetzt tun will, oder würde ich lieber was anderes tun? Ist auch das Risiko richtig, was ich gerade eingehe, oder würde ich auch da lieber ein niedriges oder sogar höheres nehmen? Also dieses mich und meine PS in Anführungszeichen auch in den Finanzmärkten auf die Straße zu bringen, da kommt es letztlich drauf an. Und da würde ich sagen, wie bei Sportlern, alles tun von Kopf, von mir aus bis zu den Füßen, dass das funktioniert. Und das Mentale ist da wirklich wichtig, auch mal mental vorauszugehen, einen Trade durchzugehen, in den man ist oder in den man eingehen will, und zu kalkulieren, dass ich gewinnen kann und verlieren kann mit dem Trade, und beide Szenarien für mich sich auch dann gut anfühlen. Weil das ist das Wesen von Trading. Es gibt Long, es gibt Short, es gibt Gewinn und es gibt Verlust. Das ist das, was ich vielleicht an der Stelle noch mitgeben kann.

Lukas: Das war Dr. Raimund Schriek. Links zu ihm findet ihr unten in der Videobeschreibung. An der Stelle noch mal vielen Dank an die Deutsche Börse. Links zur Deutschen Börse findet ihr auch unten. Wir sehen uns auf dem nächsten Börsentag, vielleicht auch wieder mit dir als Referent, wäre natürlich toll. Und ansonsten danke fürs Zuschauen, macht's gut und bis bald.

Dr. Raimund Schriek: Danke dir. Super. Danke, Lukas.

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