Behavioral Finance: Warum dein Bauchgefühl an der Börse Rendite kostet

Nikolas Kreuz von Invios im Behavioral-Finance-Interview auf dem Börsentag Köln

Stand: Juli 2026 · Lesedauer: ca. 11 Minuten

Rund 80 Prozent unserer Anlage-Entscheidungen treffen wir aus dem Bauch heraus, nicht mit dem Kopf. Genau das haben wir Nikolas Kreuz, Gründer von Invios und früher Chief Investment Officer zweier Landesbanken, im Interview auf dem Börsentag Köln gefragt. Seine Antwort dreht sich um ein Forschungsfeld namens Behavioral Finance, also die Wissenschaft davon, wie Psychologie unsere Geldentscheidungen steuert. Und um eine unbequeme Wahrheit: Wenn die ganze Herde irrational handelt, kannst du genau diese Fehler für dich nutzen.

Was ist Behavioral Finance?
Behavioral Finance (auf Deutsch: verhaltensorientierte Finanzmarktforschung) ist der Zweig der Verhaltensökonomie, der untersucht, warum Anlegerinnen und Anleger systematisch irrational handeln. Statt vom rein rationalen Homo oeconomicus auszugehen, erklärt Behavioral Finance Geldentscheidungen über wiederkehrende psychologische Muster wie Verlustaversion, Herdentrieb und Selbstüberschätzung.

Wer ist Nikolas Kreuz?

Kreuz beschäftigt sich seit über drei Jahrzehnten mit der Frage, warum kluge Menschen an der Börse immer wieder dieselben Fehler machen. Behavioral Finance hat ihn schon als Student gepackt, als Wahlpflichtfach, weil ihm die klassischen Theorien an der Universität zu abstrakt waren. Sie fassten den Menschen nicht, der am Ende die Entscheidung trifft.

Seine Laufbahn ist die eines Praktikers, nicht eines Theoretikers. Kreuz war unter anderem bei der Deutschen Bank, der UBS und der DZ Privatbank tätig und als Chief Investment Officer für zwei Landesbanken verantwortlich. Heute führt er Invios, das er selbst als Institut für Vermögenssicherung und Asset Management versteht. Asset Management ist dabei nur ein anderes Wort für die professionelle Verwaltung von Vermögen.

FeldAngabe
NameNikolas Kreuz
RolleGründer, Fondsmanager
FirmaInvios (Institut für Vermögenssicherung und Asset Management)
SchwerpunktBehavioral & Neuro Finance, Asset Allocation
Frühere StationenDeutsche Bank, UBS, DZ Privatbank, CIO zweier Landesbanken

Interessenkonflikt: Kreuz managt eigene Fonds

Zur Einordnung gehört ein offenes Wort. Kreuz verwaltet mit Invios eigene aktiv gemanagte Mischfonds, den Vermögensbildungsfonds P für Privatanleger und eine Variante für semiinstitutionelle Investoren. Ein Mischfonds kombiniert verschiedene Anlageklassen wie Aktien und Anleihen in einem Produkt. Kreuz hat also ein kommerzielles Interesse daran, dass Anlegerinnen und Anleger in aktive Fonds investieren. Seine Aussagen zu Behavioral Finance sind trotzdem lehrreich, du solltest sie nur mit dieser Brille lesen.

Der Homo oeconomicus ist ein Mythos

Die klassische Wirtschaftslehre rechnet mit dem Homo oeconomicus, also dem durch und durch rationalen Menschen, der jede Entscheidung nüchtern nach Kosten und Nutzen abwägt. Kreuz winkt ab. In der Realität sei der Mensch ein Homo irrationalis. Sein Grund ist überraschend körperlich: Ein rund anderthalb Kilogramm schweres Entscheidungsorgan im Kopf lässt uns gerade in Stressphasen eben nicht rational entscheiden.

Das siehst du überall, nicht nur an der Börse. Beim Autokauf, in der Partnerwahl, sogar im Supermarkt lassen wir uns von großen Marken und grellen Farben verführen. An der Börse hindert uns genau das daran, stetig Rendite zu erzielen.

Behavioral Finance ist deshalb kein Modethema, sondern eine Wissenschaft mit über 30 Jahren Fundament. Neurobiologen, Psychologen und Wirtschaftswissenschaftler haben sie zusammengetragen, unterstützt von bildgebenden Verfahren wie dem funktionalen MRT, das Hirnaktivität sichtbar macht. Ihre Wurzeln reichen zu den Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky, deren Prospect Theory zeigte, dass wir Verluste und Gewinne eben nicht symmetrisch bewerten. Diese Verhaltensökonomie liefert die Erklärung dafür, warum Marktteilnehmer im Schwarm dieselben Muster wiederholen.

Und hier liegt Kreuz‘ eigentlicher Punkt. Wenn alle Marktakteure irrational handeln, entsteht eine Marktanomalie, also eine systematische Abweichung vom rationalen Preis. Wer die typischen Fehler vermeidet, kann diese Anomalie für sich nutzen.

„Es gibt im Grundsatz über 125 Anlagefehler, die die Behaviour Finance dezidiert erklärt. Aber wenn man nur 5 oder 6 Fehler nicht macht, vermeidet man etwa 80 Prozent der wirkungsvollsten Fehler.“
— Nikolas Kreuz, Invios (Quelle: Interview Börsentag Köln)

Kreuz nennt das die Treppe von oben runterkehren. Nicht jeder der 125 Fehler ist gleich wichtig. Die wenigen großen zuerst, dann bist du schon gut unterwegs.

Die Denkfehler, die dich Geld kosten

Behavioral Finance hat den psychologischen Fallen Namen gegeben. Der bekannteste ist der Herdentrieb, auch Herdenverhalten genannt: Man kauft, was in aller Munde ist, den Tipp vom Taxifahrer oder vom Nachbarn. Dazu kommt die Selbstüberschätzung (Overconfidence), also der Glaube, klüger zu sein als der Markt. Der Ankereffekt lässt uns an einem einmal gesehenen Kurs kleben, obwohl er längst egal ist. Und die Verlustaversion sorgt dafür, dass ein Verlust psychologisch etwa doppelt so schwer wiegt wie ein gleich großer Gewinn Freude bringt, ein Effekt, den Kahneman und Tversky sauber belegt haben.

Diese Muster sind so alt wie der Handel selbst. Wir haben die vier größten psychologischen Fallen in einer eigenen Folge auseinandergenommen, wenn du tiefer einsteigen willst: Anlegerpsychologie und die größten psychologischen Fallen.

Einen Fehler greift Kreuz besonders heraus, weil er im entscheidenden Moment zuschlägt: den Dispositionseffekt. Damit ist gemeint, dass Anleger Verlustpositionen zu lange halten und Gewinner zu früh verkaufen. In einer Konsolidierung, also einer Kursdelle nach einem Anstieg, verlässt viele der Mut. Sie verkaufen unten, statt nachzukaufen. Das Prinzip an der Börse ist aber genau umgekehrt.

„Günstig einkaufen und teuer verkaufen, das ist das Prinzip an der Börse, das Erfolg verspricht.“
— Nikolas Kreuz, Invios (Quelle: Interview Börsentag Köln)

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft ordnet solche wiederkehrenden Anlagefehler als Kern des Behavioral-Finance-Ansatzes ein. Die Fehler sind also gut dokumentiert. Die Kunst besteht darin, sie im eigenen Depot zu bemerken.

Der größte Kardinalfehler: zu wenig streuen

Wenn Kreuz einen einzigen Fehler nennen müsste, wäre es die mangelnde Diversifikation, also das zu enge Streuen des Geldes. Ein Depot, das nur auf zwei oder drei Werten beruht, schwankt heftig. Diese Schwankungsbreite, im Fachjargon Volatilität, ist das, was Anleger nachts wachhält.

Der bessere Weg ist breites Streuen, und zwar in kleinen Dosen. Über Länder, über Sektoren, über verschiedene Marktgrößen und Indizes hinweg. Genau dafür gibt es seit über 20 Jahren ETFs, also börsengehandelte Indexfonds, die einen ganzen Markt in einem einzigen Papier abbilden. Ein breit gestreuter Welt-ETF nimmt dir die Arbeit ab, hunderte Einzeltitel zu kaufen.

Diversifikation schützt dich dabei vor einer bestimmten Art von Risiko. Das unsystematische Risiko ist das Risiko eines einzelnen Unternehmens, etwa wenn ein Konzern pleitegeht. Es lässt sich durch Streuen fast auf null bringen. Das systematische Risiko, also das allgemeine Marktrisiko, bleibt bestehen, dafür wirst du langfristig mit Rendite entlohnt. Ein verwandter Denkfehler ist übrigens der Home Bias, die Neigung, übermäßig in Aktien aus dem eigenen Heimatland zu investieren. Wie du Klumpen im Depot vermeidest, zeigen wir dir im Kurzinterview zur ETF-Diversifikation.

80 Prozent Asset Allocation, 5 Prozent Stockpicking

Der spannendste Punkt im Interview klingt zunächst unscheinbar, verändert aber die ganze Perspektive. Kreuz macht eine klare Rechnung auf. Die strategische Asset Allocation, also die Frage, wie du dein Geld auf Anlageklassen wie Aktien, Anleihen, Edelmetalle oder Rohstoffe verteilst, macht rund 80 Prozent deines langfristigen Anlageerfolgs aus. In Aktien zu sein, wenn Aktien laufen, und wieder heraus, wenn nicht.

Das Stockpicking dagegen, also das gezielte Aussuchen einzelner Aktien, trägt nur etwa 5 Prozent bei. Ob du am Ende Amazon oder Tencent im Depot hast, spielt eine erstaunlich kleine Rolle. Für Kreuz ist das der Grund, warum sich so viele im falschen Spiel verlieren.

„Man soll die Treppe von oben runterkehren, nicht die Nadel im Heuhaufen suchen.“
— Nikolas Kreuz, Invios (Quelle: Interview Börsentag Köln)

Das Stockpicking ist die schöne Geschichte, die sich gut erzählen lässt. Der große Hebel liegt woanders. Wer wissen will, wie viel Einzelaktien im Depot überhaupt Sinn ergeben, findet Kreuz‘ Linie im Kurzinterview zu Stockpicking und Einzelaktien wieder.

Dein Sparplan schlägt der Psychologie ein Schnippchen

Der eleganteste Trick gegen die eigene Psyche ist kein Trick, sondern Automatik. Ein Sparplan kauft für einen festen Betrag jeden Monat Anteile. In tiefen Marktphasen bekommst du für dein Geld mehr Anteile, in teuren weniger. Das macht dich ganz automatisch zu einem antizyklischen Anleger, also zu jemandem, der gegen die Herde kauft, statt ihr hinterherzulaufen. Du musst dafür nichts fühlen und nichts timen.

Einen Zusatz-Hinweis gibt Kreuz noch, den er selbst mit einem Augenzwinkern anbietet: den sogenannten Monatsultimo-Effekt. Seine These lautet, dass die Börse rund um den Monatsersten etwas teurer ist, weil die meisten Sparpläne, Gehälter und Mieten zum 1. laufen. Wer seinen Sparplan stattdessen auf den 15. legt, kaufe im Schnitt minimal günstiger, nach seiner Rechnung etwa 1 Prozent mehr pro Jahr. Diese Zahl ist Kreuz‘ eigene Einschätzung und in der Forschung umstritten, du solltest sie also nicht als Gesetz nehmen. Der Kerngedanke bleibt trotzdem stark: Regeln schlagen Bauchgefühl.

Denn am Ende entscheidet nicht die Analyse, sondern die Disziplin. Verluste entstehen meist in den Drawdowns, also den Phasen, in denen die Kurse zurücklaufen und die Nerven blank liegen.

„Menschen werden durch Disziplinlosigkeit ärmer.“
— Nikolas Kreuz, Invios (Quelle: Interview Börsentag Köln)

Investieren ist kein Spekulieren

Ein Gedanke zieht sich durch alles, was Kreuz sagt: der Unterschied zwischen Spekulieren und Investieren. Spekulieren heißt, auf den schnellen Treffer zu setzen. Investieren heißt, über die lange Distanz dabeizubleiben und den Zinseszins arbeiten zu lassen, also den Effekt, dass auch die Erträge selbst wieder Erträge abwerfen. Wer früh anfängt, hat diesen Hebel am längsten auf seiner Seite.

Gerade jungen Anlegern legt Kreuz Demut ans Herz. Er vergleicht es mit dem Führerschein. Erst fährt man kleine Maschinen, später größere, wenn man weiß, was man tut. An der Börse heißt das, mit kleineren Beträgen zu lernen, statt alles auf eine Karte zu setzen. Erfolgreiche Investoren sind für ihn die, die nicht ihr ganzes Kapital auf einen Titel setzen und aus Fehlern lernen, am besten aus den Fehlern anderer.

Noch etwas ist ihm wichtig: nicht blind delegieren. Der teuerste Fehler sei, mit eigenem Geld an die Börse zu gehen und einfach dem Banker, dem Nachbarn oder dem Taxifahrer zu vertrauen. Wer investiert, sollte grob verstehen, was er tut, und die Unterlagen zum Produkt wenigstens überfliegen.

Fazit: Regeln statt Reflexe

Behavioral Finance liefert keine Ausrede, sondern einen Bauplan. Kreuz bricht ihn auf drei Ebenen herunter. Streu breit, damit dich kein einzelner Titel ins Wanken bringt. Kümmere dich zuerst um die Asset Allocation, denn sie entscheidet den Löwenanteil deines Erfolgs, nicht die eine geniale Aktie. Und automatisiere über einen Sparplan, damit deine Psyche in der nächsten Krise nicht den Verkaufsknopf drückt.

Die konkreteste Handlung für heute Abend ist unspektakulär, und genau das ist der Punkt. Nicht in Panik geraten, Probleme in Ruhe durchdenken, in funktionierenden Märkten investiert bleiben und in einer Konsolidierung eher nachkaufen als verkaufen. Der psychologische Gewinn ist ruhiger Schlaf, weil du weißt, dass dein System die Entscheidung schon getroffen hat, bevor die Angst kommt.

⭐ Das Wichtigste auf einen Blick

1. Behavioral Finance erklärt, warum wir an der Börse irrational handeln: Nicht der rationale Homo oeconomicus entscheidet, sondern der Homo irrationalis.
2. Es gibt über 125 dokumentierte Anlagefehler, aber wer die 5 bis 6 wichtigsten vermeidet, umgeht laut Nikolas Kreuz rund 80 Prozent des Schadens.
3. Der größte Kardinalfehler ist mangelnde Diversifikation: Breites Streuen über Länder, Sektoren und Indizes, etwa per ETF, senkt das unsystematische Risiko.
4. Die Asset Allocation entscheidet rund 80 Prozent des Anlageerfolgs, das Stockpicking nur etwa 5 Prozent.
5. Ein Sparplan wirkt antizyklisch und nimmt der eigenen Psychologie die Entscheidung ab, gerade in Krisenphasen.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.

Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

Laura Podleska & Lukas Beißwenger Podcast-Hosts von „Investier oder Verlier“ Mission: Investieren verständlich, ehrlich und auf Augenhöhe erklären.

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Häufige Fragen

Behavioral Finance ist die verhaltensorientierte Finanzmarktforschung. Sie erklärt, warum Anlegerinnen und Anleger systematisch irrational handeln, statt nüchtern zu rechnen. Grundlage sind psychologische Muster wie Verlustaversion, Herdentrieb und Selbstüberschätzung, die von Forschern wie Daniel Kahneman und Amos Tversky wissenschaftlich belegt wurden.

Kreuz nennt mangelnde Diversifikation als größten Kardinalfehler, gefolgt vom Fokus aufs Stockpicking statt auf die Asset Allocation und vom Verkaufen aus Panik in Kursdellen. Insgesamt kennt die Behavioral Finance über 125 Anlagefehler, doch schon das Vermeiden der wichtigsten fünf bis sechs bringt den größten Effekt.

Der Dispositionseffekt beschreibt die Neigung, Verlustpositionen zu lange zu halten und Gewinnerpositionen zu früh zu verkaufen. Anleger realisieren also kleine Gewinne schnell und sitzen große Verluste aus, obwohl es rational oft umgekehrt sinnvoller wäre. Der Effekt ist einer der teuersten psychologischen Fehler an der Börse.

Laut Nikolas Kreuz entscheidet die Asset Allocation, also die Aufteilung auf Anlageklassen wie Aktien, Anleihen und Rohstoffe, rund 80 Prozent des langfristigen Anlageerfolgs. Das Aussuchen einzelner Aktien trägt dagegen nur etwa 5 Prozent bei. Die strategische Verteilung ist damit der weitaus größere Hebel.

Nikolas Kreuz verweist auf den sogenannten Monatsultimo-Effekt und rät zur Ausführung um die Monatsmitte, weil die Börse rund um den Monatsersten durch viele gleichzeitige Käufe minimal teurer sei. Nach seiner Rechnung bringt das etwa 1 Prozent mehr pro Jahr. Diese Zahl ist allerdings seine eigene Einschätzung und wissenschaftlich umstritten, entscheidender ist, überhaupt regelmäßig und automatisiert zu sparen.

Disclaimer:

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.
Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

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