Female Finance: Warum Frauen ihre Altersvorsorge selbst in die Hand nehmen müssen

Marile Glöcklhofer von der Börse München im Interview beim Anlegertag München über Female Finance

Stand: Juni 2026 · Lesedauer: ca. 9 Minuten

Was ist Female Finance?
Female Finance bezeichnet einen Finanzansatz, der die Lebensrealität von Frauen in den Mittelpunkt stellt. Es geht darum, wie Frauen trotz Teilzeit, Care-Arbeit oder geringerem Gehalt eigenes Vermögen aufbauen und finanziell unabhängig werden, statt die Geldfragen anderen zu überlassen.

„Ein Mann ist keine Altersvorsorge.“ Der Satz stammt von der Finanzexpertin Helma Sick, und Marile Glöcklhofer von der Börse München zitiert ihn gern. Beim Anlegertag München haben wir sie gefragt, warum gerade Frauen beim Geld selbstständiger werden müssen. Ihre Antwort ist unbequem und konkret zugleich: Der Einstieg an der Börse war nie so leicht wie heute, trotzdem verlassen sich zu viele Frauen noch immer auf andere.

Female Finance ist genau deshalb mehr als ein Trend-Begriff. Es ist die Antwort auf ein strukturelles Problem, das sich am Ende eines Arbeitslebens in Euro und Cent zeigt. Wir gehen mit Marile durch, woher die Lücke kommt, was Frauen dagegen tun können und warum der erste Schritt einfacher ist, als die meisten glauben.

Marile Glöcklhofer: 35 Jahre Börse aus erster Hand

Marile Glöcklhofer ist seit 1990 an der Börse München. Sie hat den Zuruf-Handel im Saal erlebt, den Aufstieg der Neobroker (also Online-Broker, die das Wertpapiergeschäft per App sehr günstig machen) und sie gestaltet die Zukunft des Handelsplatzes aktiv mit. Marile ist überzeugt, dass die Entwicklung weitergeht. Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot und mit Kinderdepots kommen Werkzeuge, die das eigenständige Vorsorgen noch einfacher machen sollen.

Female Finance ist für sie ein Herzensthema, kein Pflichtprogramm. Im Freundinnenkreis sieht sie immer wieder dieselben Muster, und genau die will sie aufbrechen.

Was sie im Gespräch ausmacht: Sie redet nicht von oben herab. Sie macht Geldanlage an Alltagsbeispielen fest und nimmt Frauen die Angst vor einem Thema, das viele für komplizierter halten, als es ist.

NameRolleEventSchwerpunkt
Marile GlöcklhoferBörse MünchenAnlegertag MünchenKapitalmarkt, Female Finance

Warum gerade Frauen finanziell oft den Kürzeren ziehen

Die Zahlen sind eindeutig, und sie sind kein Zufall. Laut Verbraucherzentrale bekommen deutsche Rentnerinnen im Schnitt nur rund zwei Drittel der Rente, die Männer erhalten. Diese Differenz hat einen Namen: Gender Pension Gap, also die Renten-Lücke zwischen den Geschlechtern. Sie entsteht über Jahrzehnte, lange bevor die erste Rente überhaupt fließt.

Marile beschreibt das Muster, das sie in ihrem Umfeld beobachtet, sehr direkt. Viele Frauen arbeiten Teilzeit und bekommen später nur eine Teilzeitrente. Sie waren lange aus dem Beruf heraus, haben Karrierechancen liegen lassen und immer in die gemeinsame Kasse gewirtschaftet. Wenn dann eine Ehe scheitert, stehen sie plötzlich ohne eigenes Geld da.

„Frauen überlassen das Thema häufig ihren Männern, weil sie es für zu kompliziert halten“, sagt Marile. Genau hier liegt der entscheidende Denkfehler. Wer die eigene Vorsorge abgibt, gibt auch die Kontrolle ab. Und der Berater oder der Partner trägt am Ende nicht das Risiko.

„Bitte, wir leben nicht mehr im 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts. Frauen sollten besser auf sich schauen.“
— Marile Glöcklhofer, Börse München (Quelle: Interview Anlegertag München)

Vorsorge selbst in die Hand nehmen

Die gute Nachricht: Der Nachteil lässt sich ausgleichen. Marile macht es an einem klaren Beispiel fest. Wenn ein Partner für Familie und Kinder beruflich zurücksteckt, kann der andere das kompensieren. Etwa, indem er für die Person, die pausiert, einen ETF-Sparplan aufsetzt oder weiter in die Rente einzahlt.

Ein ETF ist dabei das einfachste Werkzeug. Die Abkürzung steht für Exchange Traded Fund, also einen börsengehandelten Fonds, der einen ganzen Index nachbildet. Statt einzelne Aktien zu kaufen, bist du mit einem einzigen ETF auf den MSCI World direkt in rund 1.500 Unternehmen weltweit investiert. Ein Sparplan zahlt dabei automatisch jeden Monat einen festen Betrag ein, ganz ohne dass du auf den richtigen Zeitpunkt achten musst.

Mindestens genauso wichtig ist für Marile ein Thema, über das in Beziehungen kaum jemand spricht: Geld. Wer pausiert, wer wie viel einzahlt, wer im Ernstfall abgesichert ist, all das gehört offen geregelt. Nicht aus Misstrauen, sondern aus Fairness.

„Geld verhandeln in Beziehungen. Das ist kein unromantisches Thema, es ist wichtig.“
— Marile Glöcklhofer, Börse München (Quelle: Interview Anlegertag München)

Ihr Rat: die Finanzen gerecht und ausgewogen regeln, am besten gleich zu Beginn der Partnerschaft. Das ist kein Streitthema, sondern gelebte Partnerschaft auf Augenhöhe.

Investieren ist einfacher, als du denkst

Viele Frauen halten sich beim Vermögensaufbau zurück, weil sie sich nicht genug zutrauen. Marile kennt diesen Reflex und nimmt ihm die Grundlage. Ihr wichtigstes Credo: Kauf nur, was du wirklich verstehst.

„Ich würde nur das kaufen, was ich verstehe, was ich wirklich durchdringe“, sagt sie. Und einfacher als eine Aktie geht es kaum. Du beteiligst dich an einem Unternehmen, läuft es gut, gibt es Dividende und Kursgewinne, läuft es schlecht, kann beides ausbleiben. ETFs sind ähnlich transparent. Sie bündeln viele Aktien, sodass du dein Risiko breit streust, das Grundprinzip jeder seriösen Geldanlage. Wie Indexfonds und ETFs im Detail funktionieren, erklärt Finanztip ausführlich. Diversifikation, also das Verteilen des Geldes auf viele Werte, schützt dich davor, dass ein einzelner Ausreißer dein Depot ruiniert.

Was Marile ausdrücklich nicht empfiehlt, sind komplizierte Produkte, die einem gern verkauft werden. Bei Konstruktionen, deren Prospekt seitenlang und schwer verständlich ist, fragt sie sich trocken, ob die Welt auf dieses Produkt wirklich gewartet hat. Einfach ist oft besser, weil sich darin keine versteckten Kosten verstecken lassen.

Interessant ist, was Studien über das Anlageverhalten zeigen. Frauen setzen seltener auf einzelne Aktien und stärker auf breit gestreute Fonds und ETFs. Genau diese Vorsicht zahlt sich langfristig aus. Das deckt sich exakt mit Mariles Botschaft: Wer breit streut und ruhig bleibt, fährt am Ende meist besser als der, der den großen Treffer sucht.

Ruhig bleiben heißt auch, Kursrückgänge auszuhalten. Marile erinnert an den Corona-Crash und an die Marktreaktion auf Trumps Zollankündigungen. Beide Male fiel es kurz steil nach unten und wurde schnell wieder aufgeholt. Wehe den Anlegerinnen, die dann aus Angst verkaufen und Verluste festschreiben, die sie gar nicht hätten realisieren müssen. Ihr Rat bei solchen Rücksetzern, wenn der Anlagehorizont es erlaubt: einfach drin bleiben, lieber nachkaufen. Wie stark die eigene Psyche dabei mitspielt, zeigt unser Kurzinterview zur Börsenpsychologie.

Finanzbildung fängt im Kleinen an

Woher soll das Wissen kommen, wenn über Geld kaum gesprochen wird? Für Marile tragen alle Verantwortung. In der Schule komme das Fach Wirtschaft viel zu kurz, dabei sollte jede und jeder mit 14 oder 15 wissen, wie ein Handyvertrag funktioniert und wie man überhaupt einen Vertrag abschließt. Auch im Elternhaus liegt ein Hebel. Wenn Kinder früh lernen, mit ihrem Taschengeld zu wirtschaften, entwickeln sie ein Gefühl für Geld.

Denn Geld ist ein emotionales Thema, mit viel Psychologie. Der eine gibt es leichter aus, der andere hält zusammen. Genau deshalb lohnt es sich, früh ein gesundes Verhältnis dazu aufzubauen, statt das Thema später unter Druck nachholen zu müssen.

Marile bringt dafür einen Begriff ins Spiel, der mehr ist als ein Modewort: Financial Wellbeing, also das gute Gefühl, die eigenen Finanzen im Griff zu haben. Für sie gehört es zum Glück dazu, weil wir Geld nun einmal brauchen. Wer das Thema anpackt, tauscht das ungute Bauchgefühl des Aufschiebens gegen ein Stück Sicherheit.

Der beste Zeitpunkt ist jetzt

Bleibt die größte Hürde, und die ist mental. Bei vielen nagt im Hintergrund der Gedanke, sich eigentlich mal kümmern zu müssen. Dann wird es vertagt. Und aus diesem Aufschieben wird leicht ein dauerhaftes Nie.

„Aus später wird leicht nie.“
— Marile Glöcklhofer, Börse München (Quelle: Interview Anlegertag München)

Ihr Tipp gegen die Aufschieberei ist überraschend nahbar: Redet miteinander über Geld. Im Freundeskreis wird über alles Mögliche gesprochen, nur über Geld kaum. Dabei kennst du wahrscheinlich die Person, die immer weiß, wo es einen Flug günstiger gibt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie sich auch bei der Geldanlage auskennt. Frag sie, bei welchem Broker sie ist, wie sie ihren ETF-Sparplan aufgesetzt hat, wie sie ihre vermögenswirksamen Leistungen anlegt. So entwickelst du Ehrgeiz und musst die Fehler nicht selbst machen, die andere schon hinter sich haben.

Marile beobachtet, dass sich etwas bewegt. Immer mehr Frauen investieren, gründen Aktienclubs und tauschen sich aus, eine steckt die andere an. Trotzdem ist da noch viel Luft nach oben. Female Finance lebt davon, dass der Funke überspringt, dass Frauen sich trauen und merken: Das Thema ist nicht so kompliziert, wie viele glauben, und es fühlt sich gut an, es selbst in der Hand zu haben.

Fazit: Female Finance ist kein Luxus, sondern Unabhängigkeit

Drei Dinge nimmst du aus dem Gespräch mit Marile Glöcklhofer mit. Erstens: Die Rentenlücke ist real, und sie trifft Frauen härter, weil Teilzeit, Care-Arbeit und Pausen sich über ein ganzes Erwerbsleben summieren. Zweitens: Du kannst gegensteuern, indem du selbst vorsorgst, breit gestreut investierst und Geldfragen in der Beziehung offen regelst. Drittens: Der Einstieg ist leichter und ruhiger, als die meisten denken, ein einfacher ETF-Sparplan und der Wille, dranzubleiben, reichen für den Anfang.

Female Finance ist am Ende keine Frage des großen Kapitals, sondern der Haltung. Wer das Thema anpackt, kauft sich nicht nur Rendite, sondern ein Stück Unabhängigkeit. Und das gute Gefühl, im Ernstfall nicht auf jemand anderen angewiesen zu sein.

⭐ Das Wichtigste auf einen Blick

1. Female Finance bedeutet, dass Frauen ihre Finanzen und ihre Altersvorsorge selbst überblicken und gestalten, statt sie anderen zu überlassen.
2. Der Gender Pension Gap ist real: Rentnerinnen erhalten im Schnitt nur rund zwei Drittel der Rente von Männern, vor allem wegen Teilzeit und Erwerbspausen.
3. Eine Familienpause lässt sich ausgleichen, zum Beispiel mit einem ETF-Sparplan, der für die pausierende Person weiterläuft.
4. Breit streuen schlägt den Einzeltreffer: Ein ETF auf den MSCI World investiert dich mit einem Produkt in rund 1.500 Unternehmen weltweit.
5. Der wichtigste Schritt ist anzufangen, denn aus „später“ wird leicht „nie“.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.

Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

Laura Podleska & Lukas Beißwenger Podcast-Hosts von „Investier oder Verlier“ Mission: Investieren verständlich, ehrlich und auf Augenhöhe erklären.

Häufige Fragen

Female Finance ist ein Finanzansatz, der die Lebensrealität von Frauen in den Mittelpunkt stellt. Ziel ist, dass Frauen ihre Finanzen selbst überblicken, eigenes Vermögen aufbauen und finanziell unabhängig werden, trotz struktureller Nachteile wie Teilzeit oder geringerem Gehalt.

Weil Frauen häufiger Teilzeit arbeiten, längere Erwerbspausen haben und im Schnitt weniger verdienen. Das führt zu einer deutlich niedrigeren Rente und einem höheren Risiko für Altersarmut. Eigene Rücklagen gleichen diesen Nachteil aus.

Deutsche Rentnerinnen bekommen im Schnitt nur rund zwei Drittel der Rente, die Männer erhalten. Diese Differenz zwischen den Geschlechtern wird Gender Pension Gap genannt und entsteht über das gesamte Erwerbsleben.

Sofort und einfach. Ein ETF-Sparplan auf einen breiten Index wie den MSCI World ist ein unkomplizierter Start. Hilfreich ist außerdem, im Freundeskreis offen über Geld zu reden und von den Erfahrungen anderer zu lernen.

Studien deuten darauf hin, dass Frauen tendenziell breiter streuen und seltener auf einzelne Aktien setzen. Diese ruhigere, diversifizierte Strategie zahlt sich langfristig oft aus, weil sie das Risiko einzelner Ausreißer senkt.

Disclaimer:

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.
Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

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