Qualitätsaktien erkennen: Die Modern-Value-Strategie hinter Berkshires Umbau

Heiko Böhmer von Shareholder Value im Interview über Qualitätsaktien und Modern Value auf dem Börsentag Köln

Stand: Juli 2026 · Lesedauer: ca. 12 Minuten

Aus 35 Milliarden Dollar wurden 185, mit einer einzigen Position: Apple. Diese Rechnung machte Warren Buffett auf der letzten Berkshire-Hauptversammlung auf, bei der er zum ersten Mal seit Jahrzehnten nicht mehr auf der Bühne saß. Wie man solche Gewinner früh erkennt, haben wir Heiko Böhmer, Kapitalmarktstratege bei Shareholder Value, im Interview auf dem Börsentag Köln gefragt. Seine Antwort dreht sich um Qualitätsaktien und eine Strategie mit Namen Modern Value.

Was ist eine Qualitätsaktie?

Eine Qualitätsaktie ist der Anteil an einem Unternehmen mit einem stabilen, planbaren Geschäftsmodell, soliden Bilanzen und dauerhaft hoher Profitabilität, das dabei nicht zu teuer bewertet ist. Statt auf kurzfristige Kurschancen setzt man auf die langfristige Stärke des Unternehmens. Typische Kennzeichen sind hohe Kapitalrenditen, verlässliche Cashflows und eine niedrige Verschuldung.

⭐ Das Wichtigste auf einen Blick

1. Qualitätsaktien sind Unternehmen mit stabilen, planbaren Erträgen und soliden Bilanzen, die nicht zu teuer bewertet sind, der Kern der Modern-Value-Strategie.
2. Erkennen kannst du sie an drei öffentlich verfügbaren Kennzahlen: freier Cashflow statt Gewinn, hohe Eigenkapitalrendite (ab rund 20 Prozent als branchenabhängiger Richtwert) und niedriger Verschuldungsgrad.
3. Modern Value verbindet klassisches Value mit Qualität und Wachstum: gute Unternehmen zu fairem Preis statt nur billiger Bewertung.
4. KI ist Chance und Risiko zugleich, doch anders als beim Dotcom-Crash 2000 stehen heute echte Gewinne großer Konzerne dahinter.
5. Buffetts wichtigste Regel bleibt „verliere kein Geld“, ergänzt um ein konzentriertes Depot aus wenigen, gut verstandenen Unternehmen.

Wer ist Heiko Böhmer?

Heiko Böhmer beobachtet die Börse seit über zwei Jahrzehnten, erst als Finanzjournalist, heute als Kapitalmarktstratege. Ein Kapitalmarktstratege ordnet ein, wie Wirtschaftsentwicklung und Anlagetrends zusammenhängen, mit besonderem Blick auf einzelne Aktien. Böhmer übt diese Rolle bei Shareholder Value Management aus, einer Frankfurter Fondsgesellschaft.

Zum Börsentag Köln kam er direkt von einem besonderen Termin: der Hauptversammlung von Berkshire Hathaway in Omaha, wo er live dabei war. Diese Nähe zum Geschehen prägt das ganze Gespräch. Böhmer redet nicht über Theorie, sondern über das, was er selbst gerade beobachtet hat.

FeldAngabe
NameHeiko Böhmer
RolleKapitalmarktstratege
FirmaShareholder Value Management AG (Frankfurt)
SchwerpunktModern Value, Qualitätsaktien, Aktienstrategie
BesonderheitWar 2025 live auf der Berkshire-Hauptversammlung in Omaha

Zur Einordnung: Böhmers kommerzielles Interesse

Ein offenes Wort gehört dazu. Böhmers Arbeitgeber Shareholder Value Management legt selbst aktiv gemanagte Fonds auf, darunter einen mit dem Namen „Modern Value“. Die Unternehmen, die Böhmer im Gespräch als Beispiele nennt, sind zum Teil Positionen aus genau diesen Fonds. Er hat also ein geschäftliches Interesse daran, dass Anleger die Modern-Value-Idee gut finden. Seine Erklärungen sind trotzdem lehrreich, du solltest sie nur mit dieser Brille lesen.

Was zeigt der Umbau von Berkshire Hathaway ohne Warren Buffett?

Seit Anfang 2026 führt Greg Abel Berkshire Hathaway und gibt Qualitätstechnologie wie Alphabet mehr Gewicht im Portfolio. Das ist kein Bruch mit Buffetts Strategie, sondern die logische Weiterentwicklung zu Modern Value. Über Jahrzehnte kamen Zehntausende nach Omaha, um Warren Buffett auf der Bühne zuzuhören und das langfristige Investieren zu feiern. 2025 saß Buffett zum ersten Mal nicht mehr oben, sondern in der ersten Reihe. Es ist der erste Wechsel an der Spitze seit Buffetts Übernahme 1965.

Böhmer war vor Ort und beschreibt die Stimmung als spürbar verändert. Viele seien gekommen, um Buffetts Weisheiten zu hören, und mussten sich erst daran gewöhnen, dass sein Nachfolger das übernimmt. In der Mittagspause gab Buffett noch ein Interview und wirkte dabei erstaunlich frisch. Dort rechnete er auch vor, was aus dem Apple-Investment geworden ist: aus rund 35 Milliarden Dollar wurden über zehn Jahre etwa 185 Milliarden.

Interessant wird es beim Kurswechsel unter dem neuen Chef. Buffett war bei Technologie lange skeptisch, doch unter Abel bekommt gerade Qualitätstechnologie wie Alphabet mehr Gewicht. Böhmer liest darin keinen Bruch, sondern eine Weiterentwicklung. Zur Einordnung gehört allerdings, dass Berkshire seine große Apple-Position zuletzt sogar wieder reduziert hat, Apple aber weiter die größte Einzelposition bleibt.

„Aus den 35 Milliarden, die wir am Anfang investiert haben, sind jetzt 185 Milliarden geworden. Qualitativ hochwertige Geschäftsmodelle mit planbaren Erträgen, und das Ganze nicht zu teuer. Das macht Buffett schon länger.“
— Heiko Böhmer, Shareholder Value (Quelle: Interview Börsentag Köln)

Was bedeutet Modern Value Investing?

Modern Value ist eine Weiterentwicklung des klassischen Value-Investings. Während die klassische Variante vor allem nach extrem niedrig bewerteten Aktien sucht, rückt Modern Value die langfristige Qualität eines Unternehmens in den Mittelpunkt und kauft sie zu einem fairen Preis. Diese reine Schnäppchenjagd lief laut Böhmer in den letzten zehn Jahren nicht mehr gut. Wie man den fairen Wert einer Aktie überhaupt bestimmt, haben wir separat mit Fondsmanager Mark Böschen im Beitrag zum Value Investing besprochen.

Modern Value dreht die Gewichtung. Statt nur auf den niedrigen Preis zu schauen, rückt die Qualität des Unternehmens in den Mittelpunkt: hochwertige Geschäftsmodelle mit planbaren Erträgen, und das Ganze eben nicht zu teuer eingekauft. Es ist die Brücke zwischen billig und gut. Genau in diese Kategorie passt für Böhmer ein Wert wie Alphabet, in den sein Haus schon lange investiert ist.

Der Denkfehler vieler Anleger liegt im Entweder-oder. Sie glauben, sie müssten sich zwischen langweiliger Substanz und teurem Wachstum entscheiden. Modern Value sucht bewusst die Mitte, dort, wo ein starkes Unternehmen zu einem vernünftigen Preis zu haben ist.

An welchen Kennzahlen erkennt man eine Qualitätsaktie?

Eine Qualitätsaktie erkennst du an drei öffentlich verfügbaren Kennzahlen: einem stabilen freien Cashflow, einer hohen Eigenkapitalrendite und einem niedrigen Verschuldungsgrad

Warum ist der freie Cashflow für Qualitätsaktien wichtig?

Der erste Blick geht auf den freien Cashflow, nicht auf den Gewinn. Der freie Cashflow ist das Geld, das nach allen laufenden Ausgaben und Investitionen tatsächlich übrig bleibt. Am ausgewiesenen Gewinn lässt sich bilanziell viel schrauben, gerade bei US-Konzernen mit ihrem Quartalsdruck. Der Cashflow ist ehrlicher. Wenn er stabil ist und stetig wächst, ist das ein starkes Qualitätssignal.

Welche Eigenkapitalrendite sollte eine Qualitätsaktie haben?

Die zweite Kennzahl ist die Kapitalrendite, allen voran die Eigenkapitalrendite. Sie zeigt, wie viel Gewinn ein Unternehmen aus dem eingesetzten Eigenkapital herausholt. Ein Wert ab etwa 20 Prozent ist laut Böhmer ein guter Maßstab, allerdings stark branchenabhängig. Ein Softwarehaus arbeitet „capital light“, es braucht wenig Kapital und kommt leicht auf hohe Renditen. Eine Fluglinie dagegen muss ständig gewaltige Summen investieren, nur um am Markt zu bleiben.

Warum ist ein niedriger Verschuldungsgrad wichtig?

Die dritte Kennzahl ist der Verschuldungsgrad. In der Nullzinsphase spielte Schulden kaum eine Rolle, doch seit die Zinsen von unter einem Prozent auf drei bis vier Prozent gestiegen sind, werden Zinslasten sofort zur Belastung. Ein Unternehmen mit niedriger Verschuldung schultert steigende Zinsen viel leichter. Dahinter steckt die Idee des wirtschaftlichen Burggrabens, also eines dauerhaften Wettbewerbsvorteils, der die Erträge vor Konkurrenz schützt.

„Eher auf die Cashflow-Entwicklung gucken und nicht auf die Gewinnentwicklung. An der Gewinnentwicklung kann man als Unternehmen unglaublich viel schrauben.“
— Heiko Böhmer, Shareholder Value (Quelle: Interview Börsentag Köln)

Wie so ein stabiles Geschäftsmodell aussieht, macht Böhmer an Beispielen aus dem eigenen Portfolio deutlich. Die Fluglinie Ryanair etwa habe sich früh gegen hohe Kerosinpreise abgesichert, sodass die aktuellen Preise sie kaum treffen. Dazu fliegt sie mit der modernen Boeing 737 MAX eine besonders sparsame Flotte, die laut Böhmer 20 bis 25 Prozent weniger Kerosin verbraucht als die Konkurrenz. Zusammen mit dem klaren Fokus auf günstige Kurzstrecken und dem seit rund 30 Jahren prägenden Chef Michael O’Leary hält Ryanair so die Kosten konsequent niedrig.

Als defensiven Anker nennt Böhmer außerdem Rückversicherer wie Münchener Rück oder Scor, also die Versicherer der Versicherer. Ihre Erträge sind über die Jahre erstaunlich planbar, weil sie nach großen Schadenjahren die Prämien neu und höher verhandeln können. Das sind seine Beispiele, keine Kaufempfehlungen.

Welche Chancen und Risiken bietet KI bei Aktien?

KI bietet die Chance auf gewaltige Effizienzsteigerungen, birgt aber das Risiko unklarer Ertragsaussichten bei sehr hohen Investitionssummen. Statt jedem KI-Trend zu folgen, lohnt der Fokus auf Basisinvestments mit echtem Gewinnwachstum. Die Chance liegt in der Effizienz, die KI in fast jedem Unternehmen freisetzt. Das Risiko liegt in den gewaltigen Summen, die gerade in den Bereich fließen, ohne dass klar ist, wo sie sich am Ende wirklich auszahlen.

Sein nüchterner Befund: In diesem Jahr steigt fast alles, wo ein KI-Stempel draufklebt, während solide Firmen ohne dieses Label zu kämpfen haben. Klassische Softwarehäuser hatten ein schwaches Halbjahr, weil manche schon ihr Ende heraufbeschwören. Böhmer rät, nicht dem letzten heißen KI-Trade hinterherzujagen, sondern eher auf Basisinvestments zu setzen und bewusst etwas Risiko herauszunehmen.

Den Vergleich mit der Dotcom-Blase des Jahres 2000 lässt er trotzdem nicht gelten. Damals war vieles reine heiße Luft. Heute treiben die größten Konzerne der Welt die KI voran und verdienen damit echtes Geld. Die Bewertungen laufen also nicht völlig aus dem Ruder, weil echtes Gewinnwachstum dahintersteht.

„Nicht alles, wo ein KI-Stempel drauf ist, wird auch zum Erfolg werden. Gewinnwachstum und Zinsentwicklung sind die beiden großen Faktoren, die Kurse treiben.“
— Heiko Böhmer, Shareholder Value (Quelle: Interview Börsentag Köln)

Wer trotzdem Ruhe ins Depot bringen will, findet sie bei Böhmer in Branchen abseits des Hypes. Den Pharma- und Healthcare-Bereich sieht er spannend, weil KI dort die langen Zulassungsverfahren für neue Medikamente beschleunigen könnte. Und die genannten Rückversicherer laufen ohnehin weitgehend unabhängig vom KI-Trend.

Was ist Warren Buffetts wichtigste Investitionsregel?

Buffetts wichtigste Regel lautet: kein Geld verlieren. Wer erst 50 verliert, braucht danach 100 Gewinn, nur um wieder bei null zu stehen. Deshalb empfiehlt er ein konzentriertes Depot aus wenigen, wirklich verstandenen Unternehmen.

Buffetts Regel Nummer eins lautet: verliere kein Geld. Regel Nummer zwei: vergiss nie Regel Nummer eins. Dahinter steckt eine mathematische Wahrheit. Große Verluste zu vermeiden, ist deshalb wichtiger als der nächste spektakuläre Treffer.

Dazu kommt Buffetts Plädoyer für Konzentration. Man braucht kein Depot mit 50 Werten. Wer zehn Unternehmen wirklich versteht und einschätzen kann, ist damit oft besser bedient. Das ist die andere Seite derselben Medaille: Qualität statt Menge, sowohl bei den Aktien als auch bei der Zahl der Aktien. Wie du generell zwischen breiter Streuung und gezielter Auswahl abwägst, zeigt unser Beitrag Einzelaktien oder ETF.

Fazit: Qualität schlägt Hype

Qualitätsaktien zu finden ist bei Heiko Böhmer keine Geheimwissenschaft, sondern eine Frage der richtigen Prüfung. Erstens auf den freien Cashflow schauen statt auf den leicht manipulierbaren Gewinn. Zweitens auf eine hohe, zur Branche passende Kapitalrendite und eine niedrige Verschuldung achten. Drittens ein starkes Geschäftsmodell nicht zu jedem Preis kaufen, sondern zu einem vernünftigen.

Der rote Faden dahinter ist die Modern-Value-Idee: gute Unternehmen zu fairen Preisen, statt billige Schnäppchen oder teure Trends. Selbst Berkshire Hathaway bewegt sich unter dem neuen Chef in diese Richtung. Und Buffetts alte Regel bleibt der Kompass darüber: keine großen Verluste, dafür wenige Werte, die du wirklich verstehst.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.

Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

Laura Podleska & Lukas Beißwenger Podcast-Hosts von „Investier oder Verlier“ Mission: Investieren verständlich, ehrlich und auf Augenhöhe erklären.

Andere Beiträge

Häufige Fragen

ualitätsaktien sind Anteile an Unternehmen mit einem stabilen, planbaren Geschäftsmodell, hoher Profitabilität und soliden Bilanzen, die dabei nicht zu teuer bewertet sind. Sie stehen für langfristige Stärke statt kurzfristiger Kurschancen. Kennzeichen sind verlässliche Cashflows, hohe Kapitalrenditen und eine niedrige Verschuldung.

Kapitalmarktstratege Heiko Böhmer nennt drei Kennzahlen, die jeder prüfen kann. Erstens einen stabilen, wachsenden freien Cashflow, weil dieser ehrlicher ist als der Gewinn. Zweitens eine hohe Eigenkapitalrendite, ab etwa 20 Prozent als branchenabhängiger Richtwert. Drittens einen niedrigen Verschuldungsgrad, damit steigende Zinsen das Unternehmen nicht ausbremsen.

Modern Value ist eine Weiterentwicklung des klassischen Value Investings. Statt nur auf eine extrem niedrige Bewertung zu setzen, stellt Modern Value die Qualität des Unternehmens in den Vordergrund: planbare Erträge und ein starkes Geschäftsmodell, gekauft zu einem fairen und nicht überzogenen Preis.

Laut Böhmer ist der freie Cashflow aussagekräftiger als der ausgewiesene Gewinn. Am Gewinn lässt sich bilanziell viel gestalten, während der Cashflow zeigt, was aus der Geschäftstätigkeit wirklich übrig bleibt. Ein stabiler, wachsender Cashflow ist deshalb ein starkes Qualitätssignal.

Eine hohe Eigenkapitalrendite ist ein positives Zeichen, muss aber im Branchenkontext gelesen werden. Kapitalarme Geschäftsmodelle wie Software erreichen leicht hohe Werte, während kapitalintensive Branchen wie Fluglinien viel investieren müssen. Ein Richtwert von rund 20 Prozent hilft nur im Vergleich innerhalb derselben Branche.

Disclaimer:

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.
Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

Andere Beiträge