Steuerlast Deutschland: Warum dir vom Euro nur 46,9 Cent bleiben

Lukas Beißwenger und Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler, zur Steuerlast in Deutschland: 53 Prozent

Veröffentlicht am 1. Oktober 2026 · Lesedauer: 7 Minuten

Mehr als die Hälfte deines Einkommens geht an Staat und Sozialkassen, bevor du einen Cent selbst ausgibst. Darüber haben wir mit Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler Deutschland, beim Ludwig-Erhard-Gipfel am Tegernsee gesprochen. Seine Antwort führt von der Gehaltsabrechnung über neue Schulden bis zu der Frage, warum sich Mehrarbeit in Deutschland kaum lohnt.

⭐ Das Wichtigste auf einen Blick

1. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmerhaushalt gibt 2026 laut Bund der Steuerzahler 53,1 Prozent seines Einkommens an Steuern und Sozialabgaben ab.
2. Den größeren Teil davon machen nicht die Steuern aus, sondern die Sozialabgaben mit 32,3 Cent je verdientem Euro.
3. Im OECD-Vergleich hat nur Belgien einen höheren Abgabenkeil auf Arbeit als Deutschland.
4. Die Zinsausgaben des Bundes steigen von 3,9 Milliarden Euro im Jahr 2021 auf geplante 80,7 Milliarden Euro im Jahr 2030.
5. Holznagel sieht im Altersvorsorgedepot einen notwendigen Anfang, aber keinen Ersatz für eigene Vorsorge.
Was ist die Steuerlast?

Die Steuerlast ist der Anteil deines Einkommens, den du als Steuern an den Staat abführst. Rechnet man die Sozialabgaben für Rente, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung dazu, spricht man von der Abgabenlast oder Belastungsquote. Sie liegt in Deutschland 2026 laut Bund der Steuerzahler bei 53,1 Prozent. Von jedem verdienten Euro bleiben dir damit 46,9 Cent.

Wer ist Reiner Holznagel?

Holznagel führt seit Juni 2012 den Bund der Steuerzahler Deutschland, einen Verein, der sich seit Jahrzehnten für niedrigere Steuern und sparsame Staatsausgaben einsetzt. Vorher war er dort sieben Jahre Vizepräsident. Studiert hat Holznagel Politikwissenschaft, öffentliches Recht und Psychologie in Kiel, zusätzlich ist er Vizepräsident der Taxpayers Association of Europe, des europäischen Dachverbands der Steuerzahlervereine. Kurz nach unserem Gespräch stand er auf der Bühne des Gipfels und sprach darüber, wie sich Deutschland in Zeiten von Krisen aufstellen muss.

Name Rolle Organisation Website Besonderheit
Reiner Holznagel Präsident Bund der Steuerzahler Deutschland e. V. steuerzahler.de Seit 2012 an der Spitze des Verbands

Wie viel Steuern zahlt man in Deutschland wirklich?

Die Antwort beginnt nicht bei der Lohnsteuer. Holznagel zählt auf, wo der Staat überall mitverdient: beim Einkaufen, beim Leben, beim Feiern, sogar beim Sekt, auf den eine eigene Schaumweinsteuer fällt. Das Bundesfinanzministerium (BMF) kommt in seiner Broschüre zum Steuersystem auf fast 40 verschiedene Steuern.

Direkte Steuern wie die Einkommensteuer ziehen Geld vom Einkommen ab, allerdings erst oberhalb des Grundfreibetrags, also des steuerfreien Existenzminimums. Indirekte Steuern wie die Mehrwertsteuer stecken im Preis, du zahlst sie, ohne es auf dem Kassenzettel bewusst zu merken.

Zusammen mit den Sozialabgaben ergibt sich die Abgabenlast, die laut Bund der Steuerzahler gegenüber dem Vorjahr noch einmal um 0,2 Prozentpunkte gestiegen ist. Die reine Steuerquote, also das Steueraufkommen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, bewegt sich laut BMF seit der Wiedervereinigung dagegen recht stabil zwischen 19 und 23 Prozent.

Ein grobes Rechenbeispiel macht das greifbar. Von 1.000 Euro, die dein Haushalt einschließlich Arbeitgeberanteil erwirtschaftet, bleiben nach dieser Rechnung 469 Euro zur freien Verfügung, 208 Euro gehen an Steuern und 323 Euro an die Sozialkassen. Bei Singles liegt die Quote mit 54,0 Prozent noch höher, bei Mehrpersonenhaushalten mit 52,9 Prozent etwas niedriger.

Deutschland im internationalen Vergleich

Die Industriestaaten-Organisation OECD misst die Belastung jedes Jahr in ihrer Studie Taxing Wages über den sogenannten Abgabenkeil. Das ist die Differenz zwischen dem, was ein Arbeitgeber für dich insgesamt zahlt, und dem, was bei dir netto ankommt. Für einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener lag er in Deutschland 2025 bei 49,3 Prozent, im Schnitt der 38 OECD-Länder bei 35,1 Prozent. Nur Belgien belastet Arbeit stärker.

Sozialabgaben: wo die Last wirklich drückt

Bei der Steuerlast in Deutschland denken die meisten an die Lohnsteuer, und genau hier widerspricht Holznagel. Für viele Menschen sind gar nicht die direkten Steuern das Problem, sondern die Beiträge zur Sozialversicherung. Die Zahlen geben ihm recht. Von jedem verdienten Euro entfallen 32,3 Cent auf Sozialabgaben und nur 20,8 Cent auf Steuern.

Wer 2026 sozialversicherungspflichtig arbeitet, zahlt zusammen mit seinem Arbeitgeber 18,6 Prozent für die Rente und 14,6 Prozent plus durchschnittlich 2,9 Prozent Zusatzbeitrag für die Krankenversicherung. Dazu kommen 3,6 Prozent für die Pflege und 2,6 Prozent für die Arbeitslosenversicherung, so die aktuellen Beitragssätze der Techniker Krankenkasse. Zusammengerechnet sind das 41,9 Prozent vom Bruttolohn, die sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber im Wesentlichen teilen.

„Für die Menschen ist es egal, ob es jetzt Steuern oder Abgaben sind, sie müssen beides zahlen und es ist beides für sie eine Belastung, die sie nicht abwählen können.“
— Reiner Holznagel (Quelle: Interview Ludwig-Erhard-Gipfel)

Daraus zieht Holznagel einen klaren Schluss. Deutschland muss steuerlich nicht nur moderner werden, sondern auch milder. Andere Länder haben aus seiner Sicht diesen Weg genommen und wachsen entsprechend, während hierzulande noch immer die Vorstellung verbreitet ist, höhere Steuern brächten mehr Wohlstand.

Neue Schulden, steigende Zinsen: was kommt da auf dich zu?

Lukas wollte wissen, ob der Eindruck täuscht, dass der Staat Schulden macht, um alles am Laufen zu halten. Holznagel gibt ihm recht. Die Koalition hat sich selbst als Reformkoalition bezeichnet, aus seiner Sicht aber den einfachsten Weg gewählt, nämlich neue Schulden, die das Gefühl vermitteln, man könne weiter verteilen.

Wie groß diese Schulden sind, zeigt der Haushaltsentwurf 2027 im Bundestag. Der Bund plant 118,7 Milliarden Euro neue Kredite im Kernhaushalt.

Zusammen mit den Sondervermögen, also den Sondertöpfen außerhalb des regulären Haushalts, sind es laut Wirtschaftswoche 203,7 Milliarden Euro. Holznagel rechnet damit, dass der Bund in diesem Jahrzehnt insgesamt über eine Billion Euro neue Schulden aufnimmt. Das Institut der deutschen Wirtschaft kommt allein für 2026 bis 2030 auf 972 Milliarden Euro.

Warum die Zinsen das eigentliche Problem sind

Die Folgen sind schon jetzt sichtbar, und zwar bei den Zinsen. 2021 gab der Bund laut Bundestag 3,9 Milliarden Euro für seine Schulden aus. Für 2027 sind 41,9 Milliarden eingeplant, für 2030 bereits 80,7 Milliarden.

„Die Zinsen werden dann einer der größten Posten im Bundeshaushalt sein.“
— Reiner Holznagel (Quelle: Interview Ludwig-Erhard-Gipfel)

Nach Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft fließt 2030 fast jeder fünfte Steuereuro in Zinszahlungen. Dieses Geld fehlt laut Holznagel für Bildung, Infrastruktur und Verteidigung. Für dich als Bürger heißt das, dass der Spielraum für Entlastungen kleiner wird, während die Ausgaben für Sicherheit steigen und alte Subventionen weiterlaufen.

Warum sich Mehrarbeit in Deutschland kaum lohnt

Von außen wird Deutschland als starker Partner respektiert, sagt Holznagel, aber man sieht auch die Schwächen. Großprojekte wie der Berliner Flughafen oder Stuttgart 21 stehen für langwierige Planfeststellungsverfahren, also die behördlichen Genehmigungen für Bauvorhaben. Made in Germany ist in der Welt noch etwas wert, nur reicht das nicht, um Innovationen am Laufen zu halten.

Den größten Hebel sieht er beim Faktor Arbeit, denn dort trifft die hohe Steuerlast in Deutschland am direktesten. Wer mehr arbeitet, gibt über die Sozialabgaben und die Steuerprogression, also den mit dem Einkommen steigenden Steuersatz, einen großen Teil des Zuverdienstes gleich wieder ab. Holznagel bringt es auf den Punkt.

„Die Menschen sind nicht dumm, sie können rechnen.“
— Reiner Holznagel (Quelle: Interview Ludwig-Erhard-Gipfel)

Teilzeit und reduzierte Stunden sind für Holznagel deshalb ein Thema, das die Politik angehen muss. Mit besseren Rahmenbedingungen sollen die Menschen, wie er es flapsig formuliert, wieder Bock auf Arbeit haben. Seine zentrale Forderung für den Gipfel war eine Einkommensteuerreform mit spürbaren Senkungen für Mittelschicht und Mittelstand, damit sich Überstunden und mehr Einkommen wieder lohnen.

Wo die Steuerdebatte geblieben ist

Holznagel wundert sich, dass Deutschland überhaupt keine echte Steuerdebatte mehr führt. Die letzte große hat der Verfassungsrechtler Paul Kirchhof angestoßen, der 2005 ein radikal vereinfachtes Steuerrecht mit einem Spitzensatz von 25 Prozent vorschlug, später als Bundessteuergesetzbuch ausgearbeitet. Seitdem herrscht Stille.

Deshalb setzt er sich für mehr wirtschaftliche Bildung an Schulen ein. Die Schüler erlebt er oft als aufgeschlossen, Nachholbedarf sieht er eher bei den Lehrkräften.

Altersvorsorgedepot: ein Anfang, nicht die Lösung

Gerade junge Menschen müssen laut Holznagel mehr Eigenverantwortung übernehmen und deutlich mehr in die eigene Altersvorsorge investieren. Ein Schritt dahin ist das Altersvorsorgedepot 2027, das ab dem 1. Januar 2027 startet. Laut FAQ des Bundesfinanzministeriums legt der Staat bis zu 540 Euro Grundzulage im Jahr dazu, für jedes Kind gibt es bis zu 300 Euro extra.

„Ich glaube, das ist ein notwendiger Anfang. Das ist ein notwendiges Signal.“
— Reiner Holznagel (Quelle: Interview Ludwig-Erhard-Gipfel)

Überinterpretieren darf man es aber nicht. Es braucht noch viel politischen Willen, damit diese Form der Vorsorge wirklich einen Platz im Mindset der Gesellschaft bekommt. Bundeskanzler Friedrich Merz hat im April 2026 gesagt, die gesetzliche Rente werde allein allenfalls noch eine Basisabsicherung sein.

So weit muss man laut Holznagel nicht gehen, aber die gesetzliche Rente war schon immer nur ein Baustein. Wie du dir mit ETFs einen zweiten aufbaust, zeigt Heiko Thieme in unserem Interview zum Altersvorsorge-ETF.

Fazit: Rechnen lohnt sich, auch für dich

Die Steuerlast in Deutschland ist hoch, und sie wird vor allem von den Sozialabgaben getrieben. Gleichzeitig wächst der Schuldenberg, und mit ihm die Zinsen, die künftigen Spielraum auffressen. Holznagels Forderung nach einer Einkommensteuerreform richtet sich an die Politik, seine zweite Botschaft an jeden Einzelnen. Warte nicht auf den Staat.

Für dich heißt das, deine eigene Rechnung zu kennen. Schau auf deiner Gehaltsabrechnung nach, wie groß der Abstand zwischen Brutto und Netto wirklich ist, und plane deine Altersvorsorge so, dass sie nicht allein an der gesetzlichen Rente hängt. Wer seine Zahlen kennt, entscheidet ruhiger, egal was in Berlin beschlossen wird.


Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.

Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

Transparenz: Der Bund der Steuerzahler ist ein Interessenverband. Seine Belastungsquote ist eine eigene Modellrechnung und keine amtliche Statistik. Zwischen Investier oder Verlier und den genannten Organisationen besteht keine Werbe-, Provisions- oder Affiliate-Beziehung.

Über die Autoren

Laura Podleska, Co-Founderin und Co-Host von Investier oder Verlier

Laura Podleska

Co-Founderin und Co-Host, verantwortet Website und Social Media

Laura hat „Investier oder Verlier" im Juni 2025 mitgegründet und verantwortet die Website und die Social-Media-Kanäle der Marke. Beruflich arbeitet sie als Online-Marketing-Managerin.

Lukas Beißwenger, Co-Founder und Co-Host von Investier oder Verlier

Lukas Beißwenger

Co-Founder und Co-Host, führt die Experten-Interviews

Lukas hat „Investier oder Verlier" im Juni 2025 mitgegründet und führt die Interviews mit Fachleuten aus der Finanzbranche, unter anderem live auf den Börsen- und Anlegertagen. Er verantwortet Aufnahme und Produktion der Folgen.

Gemeinsam veröffentlichen die beiden seit Juni 2025 über 90 Podcast-Folgen. Ihre Mission: Investieren verständlich, ehrlich und auf Augenhöhe erklären.

Häufige Fragen

Wie hoch ist die Abgabenquote für Arbeitnehmer in Deutschland?+

Das hängt davon ab, wer rechnet. Der Bund der Steuerzahler bezieht neben Einkommensteuer, Solidaritätszuschlag und allen Sozialbeiträgen samt Arbeitgeberanteil auch CO₂-Abgaben und Stromumlagen ein und kommt so auf gut die Hälfte des Einkommens. Die OECD betrachtet nur Lohnsteuer und Sozialbeiträge und landet bei einem etwas niedrigeren Wert, aber immer noch weit über dem Schnitt der Industriestaaten.

Wann ist der Steuerzahlergedenktag?+

2026 fiel er auf den 13. Juli. Bis zu diesem Tag arbeitet ein durchschnittlicher Haushalt rechnerisch nur für Staat und Sozialkassen, erst danach für das eigene Portemonnaie. Für Singles lag der Tag wegen der höheren Belastung erst am 17. Juli.

Wie hoch ist die Staatsverschuldung in Deutschland?+

Bund, Länder und Gemeinden standen Ende Juni 2026 mit zusammen 2.753,5 Milliarden Euro in der Kreide, davon 1.907,1 Milliarden beim Bund, meldet das Statistische Bundesamt. Das ist ein Plus von 1,0 Prozent gegenüber dem Vorquartal.

Warum zahlen Singles mehr Steuern als Familien?+

Ehepaare profitieren vom Ehegattensplitting, bei dem die Steuer so berechnet wird, als hätte jeder die Hälfte des gemeinsamen Einkommens verdient. Familien mit Kindern werden zusätzlich über Kindergeld oder Kinderfreibeträge entlastet. Singles können beides nicht nutzen und tragen laut Bund der Steuerzahler eine Belastung von 54,0 Prozent.

Was fordert der Bund der Steuerzahler?+

Im Kern eine Einkommensteuerreform, die Mittelschicht und Mittelstand entlastet und Mehrarbeit wieder lohnend macht. Dazu kommen weniger Subventionen, die aus der Vergangenheit fortgeschrieben werden, und eine Politik, die Schulden nicht als Ersatz für Reformen nutzt.

Transkript der Folge

„Die Zinsen werden dann einer der größten Posten im Bundeshaushalt sein."
Reiner Holznagel
„Die Menschen sind nicht dumm, sie können rechnen."
Reiner Holznagel
„Die Menschen haben das Gefühl, dass sie nicht für sich arbeiten, sondern für den Staat. Und der Staat liefert gerade nicht."
Reiner Holznagel
Vollständiges Transkript anzeigen

Interview vom Ludwig-Erhard-Gipfel 2026 am Tegernsee. Lukas Beißwenger im Gespräch mit Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler Deutschland. Das Transkript gibt das Gespräch in gesprochener Sprache wieder, einzelne Versprecher und Halbsätze sind so erhalten. Eine im Audio unverständliche Zahl ist in eckigen Klammern nach dem Haushaltsentwurf 2027 ergänzt.

Anriss zu Beginn der Folge

Anriss: Worum es in dieser Folge geht

Reiner Holznagel: Wir haben ein umfangreiches Steuersystem, über 40 Steuerarten. Ein ganz normaler Arbeitnehmer, der muss mehr als 53% abgeben. Weniger als die Hälfte bleibt ihm zur freien Verfügung. Und das ist schon recht viel. Für viele Menschen, muss man ganz deutlich sagen, haben ja die direkten Steuern gar nicht das Problem, sondern sie sind eher belastet durch Sozialabgaben. Wir müssen steuerlich nicht nur moderner werden, sondern auch milder besteuern. Und wir müssen wettbewerbsfähig sein. Und deswegen sind wirtschaftliche Reformen, Sozialreformen wichtiger denn je. Und deswegen geht es eben auch darum, Deutschland auch wieder einen Gründergeist zu fördern, aber eben auch die Menschen zu motivieren, in die Hände zu spucken und anzupacken. Aber hier ist die Politik in der Verpflichtung, die Rahmenbedingungen besser zu gestalten, damit, ich sag's mal flapsig, die Menschen wieder Bock auf Arbeit haben. Ganz wichtig ist für mich, dass wir tatsächlich eine Einkommensteuerreform durchführen. Wir brauchen hier Senkungen. Wir müssen die Mittelschicht, den Mittelstand entlasten.

Lukas: Ein Schritt in die richtige Richtung war sicherlich das Altersvorsorgedepot. Ist es damit getan jetzt? Sind wir dann wohlhabend, wenn meine Generation in Rente geht? Oder ist das vielleicht erst ein notwendiger Anfang? Wie steht Deutschland denn allgemein da, wenn wir jetzt Steuern und Schulden mal außen vor lassen? Wie ist der Wirtschaftsstandort Deutschland? Von jedem Euro, den wir als Arbeitnehmer verdienen, bleibt uns fast weniger als 50%. Jetzt wurde im Bundestag beschlossen, dass wir ein neues Schuldenpaket aufnehmen. Was das für uns bedeutet, woher das vielleicht kommt, besprechen wir heute mit dem Mann, der sich seit Jahren damit tief auseinandersetzt: Reiner Holznagel. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben für uns.

Reiner Holznagel: Sehr gerne.

Warum es in Deutschland so viele Steuern und Abgaben gibt

Lukas: Woher kommt es denn für jemanden, der sich mit der Materie nicht so tief beschäftigt wie Sie, dass wir so viele Steuerabgaben haben in Deutschland?

Reiner Holznagel: Wir haben ein umfangreiches Steuersystem, über 40 Steuerarten, und der Staat langt nicht nur direkt zu, sondern bei der Einkommensteuer, sondern auch indirekt. Also wenn wir einkaufen gehen, wenn wir leben, wenn wir feiern, Selbst wenn wir natürlich Sekt oder Schaumwein trinken. Also überall ist der Staat dabei. Und deswegen haben wir mal ausgerechnet, dass die gesamte Besteuerung, aber auch die Abgaben, über 50% ist. Also ein ganz normaler Arbeitnehmer, der muss mehr als 53% abgeben. Weniger als die Hälfte bleibt ihm zur freien Verfügung. Und das ist schon recht viel.

Lukas: Wie hat sich das entwickelt? Ist das schon immer so in Deutschland oder sind die Steuern jetzt erhoben worden die letzten Jahre?

Reiner Holznagel: Nein, das hat sich langsam entwickelt und für viele Menschen, muss man ganz deutlich sagen, haben ja die direkten Steuern gar nicht das Problem, sondern sie sind eher belastet durch Sozialabgaben. Und das ist eben auch ein Punkt, der nicht unterschlagen werden kann. Aber für die Menschen ist es egal, ob es jetzt Steuern oder Abgaben sind, sie müssen beides zahlen und es ist beides für sie eine Belastung, die sie nicht abwählen können, sondern sie ist da. Und deswegen hat sich in den letzten Jahren der Standort Deutschland, der Faktor Arbeit verschlechtert und wir müssen steuerlich nicht nur moderner werden, sondern auch milder besteuern. Wir sehen, dass andere Länder das getan haben und dementsprechend Wirtschaftswachstum haben. Bei uns ist immer noch die Diskussion so da, dass wir durch höhere Steuern mehr Wohlfahrt erreichen wollen, aber in der Realität sieht es ganz anders aus.

Warum Deutschland keine echte Steuerdebatte mehr führt

Lukas: Was hat Sie persönlich eigentlich dazu gebracht, sich diesem Thema Steuern so anzunehmen? Sie bringen das ja wie fast kein anderer die letzten 10 Jahre so nach vorne. Was war da der Antrieb für Sie?

Reiner Holznagel: Es ist schon famos, dass wir eigentlich keine wirkliche Steuerdebatte mehr in Deutschland führen. Professor Kirchhof mit seinen Vorstellungen hat vielleicht mal die letzte große Debatte auch angestoßen. Seitdem nicht mehr, und das finde ich persönlich schlecht. Ich engagiere mich auch selber darum, dass wir mehr wirtschaftliche Bildung in den Schulen haben, weil ohne ökonomische, ohne wirtschaftliche Bildung, auch ohne steuerliche Ausbildung werden wir diesen Staat nicht voranbringen, denn das gehört eben dazu. Wir wissen viel über Sozialstaatlichkeit, wir wissen viel über Innovationen, aber wenn die Basis nicht da ist, dann ist es schwierig. Übrigens auch bei der Demokratiebildung brauchen wir Auch diese Einflüsse, wenn Sie mehr als 50% von Ihrem verdienten Einkommen abgeben müssen, dann ist es auch eine Frage der Freiheit, ob das in einem demokratischen Staat noch so in Ordnung ist. Vor dem Hintergrund sollte man auch immer die steuerliche Belastung mitdenken.

Was an Schulen bei der Wirtschaftsbildung fehlt

Lukas: Sie sagen, Sie bringen das Thema auch in Schulen voran. Welche Themen kommen da auf? Was stellen Sie fest, wo fehlt es konkret an Bildung, wenn Sie da ein konkretes Beispiel nennen könnten?

Reiner Holznagel: Manchmal habe ich so den Eindruck, es fehlt an konkreter Bildung bei den Lehrern und weniger bei den Schülern. Oftmals erlebe ich, dass sehr viele Schüler sehr aufgeschlossen dem gegenüber sind. Ich habe unlängst erlebt, dass eine Gruppe von Schülern ein Startup gegründet hat, die sehr erfolgreich sind, aber die ökonomischen Zusammenhänge im Unterricht überhaupt nicht erleben. Und dass auch mehr gebremst wird, dass auch selbst der Staat hier gar kein Interesse hat, wirklich Gründerinnen und Gründer auszubilden und eine Basis dafür zu schaffen, dass Ökonomie immer wichtig ist. Wir brauchen ökologische und ökonomische Zusammenhänge. Damit wir Wohlstand haben, damit wir Klima schützen können, damit wir wachsen können, damit wir unsere innere und äußere Sicherheit verteidigen können. Wenn wir hier Ökonomie rauslassen, wenn wir Wirtschaftlichkeit rauslassen, dann haben wir ein wirkliches Problem.

Neue Schulden und steigende Zinsen

Lukas: Für mich als Außenstehender wirkt es so, als ob dieser Staatsapparat immer wächst, die Steuerbelastung steigt. Jetzt wurde ein Schuldenpaket beschlossen, da geht es um 200 Milliarden Euro ab 2027. Wirkt irgendwie für mich so, als ob jetzt Schulden aufgenommen werden, um das alles irgendwie am Leben zu halten. Wie ordnen Sie meine Sichtweise da ein? Ist das korrekt? Oder sehe ich das vielleicht ein bisschen naiv?

Reiner Holznagel: Sie haben völlig recht. Wir haben auf der einen Seite eigentlich kein Erkenntnisproblem. Wir wissen in der Politik, in der Gesellschaft, wir brauchen Reformen. Und deswegen ist eigentlich mit der Wahl klar gewesen, dass diese Koalition eine Reformkoalition werden will. Sie selbst hat sich auch so bezeichnet. Aber sie hat einen sehr einfachen Weg gewählt, indem sie noch mehr neue Schulden aufnimmt. Und diese Schulden suggerieren erstmal das Gefühl, wir können weiter verteilen. Das ist aber nicht der Fall, weil [rund 200] Milliarden Euro im nächsten Jahr. In dieser Dekade werden wir nur auf Bundesebene wahrscheinlich über 1 Billion Euro neue Schulden aufgenommen haben. Und das zeigt sich jetzt schon, wenn ich gefragt werde, welche Konsequenzen wir jetzt schon sehen, dann sind das die Zinsen. Wir kommen von 2021 aus von 4 Milliarden Euro im Bundeshaushalt. Wir sind derzeit bei 40 Milliarden Euro und das geht so weiter bis 70, 80 Milliarden Euro. Die Zinsen werden dann einer der größten Posten im Bundeshaushalt sein. Und dieses Geld können wir weder in Bildung investieren noch in Infrastruktur und schon gar nicht in unsere Verteidigung.

Was die Schulden für dich als Bürger bedeuten

Lukas: Was bedeutet das für mich jetzt als Bürger, wenn ich höre, also die Zahlen kann ich als normaler Mensch gar nicht einordnen, das sind einfach Riesenzahlen. Was bedeutet das konkret für mich als Bürger von Deutschland, wenn ich mitbekomme, der Staat nimmt so und so viel Schulden auf?

Reiner Holznagel: Einerseits ist es so, dass Sie als Bürger, wir als Bürger natürlich erstmal auch im Wohlstand und Sicherheit weiterleben wollen und dass wir eine Kraftanstrengung auch brauchen, um Wirtschaftswachstum zu erzeugen. Dazu braucht es bessere Rahmenbedingungen.

Lukas: Wir müssen wettbewerbsfähig erwerbsfähig sein.

Reiner Holznagel: Und deswegen sind wirtschaftliche Reformen, Sozialreformen wichtiger denn je. Das Zweite ist, wir sind ja heute schon sehr hoch belastet, und das heißt, wir müssen mit der Belastung runterkommen. Das heißt aber auch, dass wir Eigenverantwortung übernehmen müssen. Gerade wir als junge Menschen müssen auch viel mehr investieren, um die Altersvorsorge ordentlich auszustatten. Und wir sehen auf der letzten Schiene vielleicht in der Perspektive, dass eben die Haushalte sehr schwierig sind, dass viel mehr für Zinsen ausgeht, dass wir jetzt auch viel mehr für Sicherheit investieren müssen, und dass wir natürlich hier hier auch andere Prioritäten setzen müssen. Ich sehe auf der anderen Seite sehr hohe Subventionen, ich sehe sehr viele Finanzierungen, die eher in der Vergangenheit beschlossen worden sind und wenig in die Zukunft schauen. Und das sind so Punkte, die glaube ich jetzt auch angegangen werden müssen.

Standort Deutschland und der Blick nach China

Lukas: Heute haben Sie ja jetzt auch gleich im Anschluss einen Vortrag, da geht es um das Thema Deutschland. Wie positioniert man sich in Zeiten von Krisen, Katastrophen? Wie steht Deutschland denn allgemein da, wenn man jetzt Steuern und Schulden mal außen vor lässt? Der Wirtschaftsstandort Deutschland?

Reiner Holznagel: Von außen betrachtet werden wir respektiert, wir werden auch als starker potenzieller Partner wahrgenommen, aber von außen betrachtet sieht man auch unsere Schwächen. Wir haben große Planfeststellungsverfahren, wir können keine Großbauprojekte mehr, wir tun uns schwer bei der Infrastruktur. Der Berliner Flughafen ist vielleicht ein negatives Beispiel, aber auch Stuttgart 21. Made in Germany ist in der Welt noch etwas wert, aber wir müssen viel mehr tun, um Innovationen auch wirklich am Laufen zu halten. Wir glauben in der Politik, dass wir Technologien vorgeben können, dass wir durch Datenfestsetzungen Transformationen auch erreichen können, ohne die Rahmenbedingungen zu schaffen. Und deswegen geht es eben auch darum, in Deutschland auch wieder einen Gründergeist zu fördern, aber eben auch die Menschen zu motivieren, in die Hände zu spucken und anzupacken. Und das sehen wir, dass das steuerlich sich nicht lohnt. Die Menschen sind nicht dumm, sie können rechnen. Und vor dem Hintergrund ist Teilzeit, Stundenreduzierung durchaus ein Thema, was wir angehen müssen. Aber hier ist die Politik in der Verpflichtung, die Rahmenbedingungen besser zu gestalten, damit, ich sag's mal flapsig, die Menschen wieder Bock auf Arbeit haben.

Lukas: Was macht China da richtig? Ich habe jetzt letztens einen Bericht gesehen, dass sie innerhalb einem halben Jahr so viele Solarpanels aufgebaut haben wie Deutschland in 30 Jahren. Wo sind da die Unterschiede? Wie kann China das so schnell umsetzen und wir Deutschen tun uns so schwer und sind so schwerfällig?

Reiner Holznagel: Ich tue mich sehr schwer, immer Vergleiche mit China herzustellen. Wenn wir ein anderes autoritäres Regime nehmen wie Russland, dann glaube ich, wird es klar, dass es sehr vorsichtig einzuschätzen ist. Aber dennoch, wir sehen, dass Chinesen, dass China sehr innovativ ist, dass sie in den Markt reingehen und dass sie staatsdirigierend auch hier sehr viel lenken. Das müssen wir nicht übernehmen, aber wir sehen, dass um uns herum der Wettbewerb zugenommen hat. Und dass wir uns nicht ausruhen dürfen. Das ist eigentlich das Signal, was wir aus China lernen. Wir müssen viel mehr anpacken, wir müssen innovativer werden. Und wir sehen, dass das natürlich ein Angriff auf unseren Wohlstand ist, auf unsere Sicherheit. Und wir diskutieren über Demokratie, wir diskutieren über stabile Staaten, über Sicherheit, aber eben auch im wirtschaftlichen Sinne brauchen wir gute Rahmenbedingungen. Wir brauchen prosperierende Wirtschaft, wir brauchen Betriebe, die einstellen, die Gewinne machen. Und nur dann können wir soziale Sicherungssysteme stabilisieren.

Altersvorsorgedepot: ein notwendiger Anfang

Lukas: Ein Schritt in die richtige Richtung war sicherlich das Altersvorsorgedepot. Ist es damit getan jetzt? Sind wir dann wohlhabend, wenn meine Generation in Rente geht? Oder ist es vielleicht erst ein notwendiger Anfang?

Reiner Holznagel: Ich glaube, das ist ein notwendiger Anfang. Das ist ein notwendiges Signal. Wir dürfen es aber nicht überinterpretieren und es braucht noch sehr viel politische Willensbildung, damit auch diese Form der Altersvorsorge wirklich einen Platz in unserer Gesellschaft, in unserem Mindset bekommt. Und das erschreckt mich immer, wenn wir über Investitionen sprechen, sehen wir immer nur den Staat, sondern die meisten Investitionen machen natürlich im privaten Sektor die Unternehmen, die Bürger aus, die natürlich auch viel Erspartes haben und davon auch leben wollen. Und da glaube ich, brauchen wir eine andere Mentalität. Wir müssen unser Geld auch in eigene Wirtschaft in Zukunft einsetzen und dürfen nicht auf den Staat warten. Der Bundeskanzler hat gesagt, dass die gesetzliche Rentenversicherung vielleicht nur noch die Basisversicherung ist. So weit muss man nicht gehen, aber Fakt ist schon immer gewesen, dass es ein Baustein ist. Wir brauchen weitere, um eben im Alter auch einen gewissen Wohlstand erleben zu können.

Seine Forderung: eine Einkommensteuerreform

Lukas: Jetzt gehen Sie gleich auf die Bühne, halten einen Vortrag. Was sind die Punkte, die Ihnen wichtig sind? Was möchten Sie rüberbringen? Was möchten Sie den Leuten hier auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel sagen?

Reiner Holznagel: Ganz wichtig ist für mich, dass wir tatsächlich eine Einkommensteuerreform durchführen. Wir brauchen hier Senkungen. Wir müssen die Mittelschicht, den Mittelstand entlasten. Und dabei ist es wichtig, dass sich Mehrarbeit, Überstunden, dass sich wirklich mehr Einkommen auch lohnt. Und das ist in Deutschland zurzeit nicht der Fall. Die Menschen haben das Gefühl, dass sie nicht für sich arbeiten, sondern für den Staat. Und der Staat liefert gerade nicht. Und das muss sich ändern.

Lukas: Das war Reiner Holznagel. Link zu seinem Buch findet ihr in der Beschreibung. Herr Holznagel, vielen, vielen Dank für Ihre Zeit und ganz viel Erfolg hier.

Reiner Holznagel: Danke Ihnen.

Lukas: Danke.

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