Wer sich intensiv mit dem Vermögensaufbau beschäftigt, landet früher oder später beim vermeintlich „langweiligen“ Standard: Ein weltweiter ETF-Sparplan, meist auf den MSCI World [Was ist ein Index?] oder FTSE All-World. Das ist vernünftig, mathematisch korrekt aber – seien wir ehrlich – auf Dauer oft etwas emotionslos.
Gerade in dynamischen Marktphasen wie 2026 juckt es vielen Anlegern in den Fingern. Die Nachrichten sind voll von KI-Durchbrüchen, Rüstungsaufträgen aus dem Sondervermögen oder dem Aufstieg Indiens. Wer hier nur zuschaut, fühlt sich oft außen vor. Genau hier kommt die Core-Satellite-Strategie ins Spiel. Sie ist der professionelle Kompromiss zwischen der soliden Basis, dem Core oder Kern, eines breit gestreuten Welt-Portfolios und der Chance, über Satellites oder Satelliten gezielt an spezifischen Markttrends zu partizipieren.
Doch Vorsicht: Was in der Theorie wie der perfekte und einfache Mix aus einem langfristig stabilen Risiko-Ertragsprofil ergänzt um zusätzliche Rendite-Chancen klingt, wird in der Praxis oft falsch umgesetzt. Wer die Mechanik hinter der Asset Allocation nicht versteht, baut sich keinen Rendite-Turbo, sondern holt sich ein unnötiges Risiko ins Depot.
Was ist die Core-Satellite-Strategie? Der Mix aus einer soliden Basis, ergänzt um zusätzliche Rendite-Chancen
Im Kern ist die Core-Satellite-Strategie eine Methode der Portfoliokonstruktion, die das Beste aus zwei Welten vereint.
Der Core, oder Kern, bildet das Fundament. Er besteht aus einem oder mehreren breit diversifizierten ETFs [ Was ist ein ETF?], die bestenfalls den globalen Markt abdecken. Hier geht es nicht um Spekulation, sondern um die langfristige Partizipation an der Weltwirtschaft. Dieser Teil sorgt für ein langfristig stabiles Risiko-Ertrags-Profil und hilft, das gewählte Anlageziel zu erreichen.
Die Satellites, oder Satelliten, sind die dynamischen Begleiter. Hier investierst du gezielt in engere Märkte, spezifische Branchen oder Regionen, denen du eine Überrendite zutraust. Das Ziel ist mathematisch klar definiert: Die Satelliten sollen idealerweise eine geringe Korrelation zum Kernmarkt aufweisen und für den „Rendite-Kick“ sorgen.
Dieser Diversifikationseffekt funktioniert jedoch nur, wenn man die Satelliten nicht wahllos auswählt. Es geht nicht darum, einfach „irgendwas mit Tech“ zu kaufen, sondern Segmente zu finden, die strukturelles Wachstum versprechen, das im breiten Index vielleicht unterrepräsentiert ist.

Die Gewichtung entscheidet: Warum die pauschale 80/20-Regel gefährlich ist
Liest man gängige Finanzratgeber, stößt man immer wieder auf die Faustformel: „80 Prozent Core, 20 Prozent Satelliten“. Doch Finanzexperte Thomas Meyer zu Drewer, ein Urgestein der deutschen ETF-Szene (ehemals INDEXCHANGE, dem ersten deutschen ETF-Anbieter, dann ComStage und Lyxor, jetzt Amundi), warnt davor, diese Regel blind anzuwenden. Besonders gefährlich kann es werden, wenn die vorgesehenen 20 Prozent Satelliten-Anteil in einen einzigen, hochvolatilen Sektor oder konzentrierten ETF fließen.
Stattdessen sollte für die Beimischung einzelner Themen eine zielführendere „5-10% Regel“ gelten:
- Unter 5 Prozent: Eine Position, die deutlich weniger als 5 Prozent des Portfolios ausmacht, ist oft reine Kosmetik. Selbst wenn sich dieser Satellit im Wert verdoppelt, ist der Einfluss auf das Gesamtvermögen kaum spürbar. Es ist „Rauschen“ im Depot, das aber Transaktionskosten verursachen kann.
- Über 10 Prozent: Sobald ein einzelner Themen-ETF (z.B. nur Verteidigung oder nur Halbleiter) deutlich mehr als 10 Prozent einnimmt, kann das Risiko im Gesamtportfolio überproportional steigen. Wenn dieser Sektor korrigiert, zieht er das gesamte Portfolio spürbar nach unten.
Die Kunst liegt also im Korridor dazwischen. Hier ist der Einfluss auf die Gesamtrendite messbar, ohne dass die Volatilität (Schwankungsbreite) des Gesamtportfolios die eigene Schmerzgrenze überschreitet.
Der psychologische Faktor: Satelliten als „Spielwiese“ gegen die Langeweile
Wir müssen über einen Faktor sprechen, den Excel-Tabellen oft ignorieren: Die menschliche Psyche. Rational betrachtet wäre ein 100% Welt-Portfolio oft die beste Lösung. Aber wir sind keine Roboter.
Thomas Meyer zu Drewer bringt es auf den Punkt: „Anlegen darf auch Spaß machen.“
Viele Anleger scheitern nicht an der Mathematik, sondern an der Langeweile. Sie fangen an, ihren gut durchdachten Sparplan zu sabotieren, weil sie „Action“ wollen. Hier erfüllen Satelliten eine wichtige psychologische Funktion: Sie dienen als Spielwiese.
Indem du deinem Spieltrieb einen fest definierten Raum gibst (z.B. maximal 15% des Portfolios), schützt du den Rest. Du darfst mit den Satelliten auf Trends setzen, Thesen aufstellen und Risiken eingehen. Wenn es schief geht, tut es weh, aber es ruiniert nicht deinen langfristigen Vermögensaufbau, ob für finanzielle Freiheit bei größeren Anschaffungen oder für deine Altersvorsorge, was schließlich dein großes Ziel und dein Antrieb ist!
Der „Schlaftest“
Wie viel Risiko ist zu viel? Dafür gibt es keine Formel, sondern nur den von Meyer zu Drewer zitierten „Schlaftest“: „Ab welchen Verlusten kannst du nicht mehr gut schlafen?“
Wenn du nachts wach liegst, weil dein Krypto-Satellit 30% gefallen ist, war die Position zu groß. Deine Risikotragfähigkeit wird nicht durch Fragebögen bestimmt, sondern durch deinen Puls in Marktphasen, in denen die Kurse rot sind.
Themen-ETFs und Trends 2026: Was eignet sich aktuell als Satellit?
Welche Themen eignen sich im Jahr 2026 konkret als Satelliten? Ein Blick auf die aktuelle Marktlage und das Experten-Interview zeigt klare Trends, die über kurzfristige Hypes hinausgehen.

Verteidigung und Sicherheit
Das Thema Verteidigung ist längst aus der „Schmuddelecke“ heraus. Durch geopolitische Spannungen und das Sondervermögen [[EXTERNER LINK: Bundesregierung.de / Sondervermögen]] der Bundeswehr sowie entsprechende EU-Ziele ist Verteidigung zu einem strukturellen Trend geworden. Ein ETF in diesem Sektor setzt darauf, dass Sicherheitsausgaben staatlich gesteuert über Jahre steigen werden.
Infrastruktur
Oft übersehen, aber essenziell. Marode Brücken, Energiewende, digitale Netze: Infrastruktur-ETFs bieten oft einen defensiveren Charakter als Tech-Aktien, partizipieren aber an gigantischen staatlichen Investitionsprogrammen.
Indien vs. China
Während China mit strukturellen Problemen kämpft, richtet sich der Blick vieler Investoren auf Indien. Die Demografie und der wachsende Binnenmarkt machen das Land zu einem klassischen Satelliten-Kandidaten für Anleger, die das Wachstum der Schwellenländer gezielter abgreifen wollen als über einen breiten Emerging Markets ETF.

Ein Wort zur Inflation
Ein wichtiges Argument für Sachwerte (Aktien/ETFs) bleibt der Kaufkraftverlust. Die offizielle Inflationsrate [Destatis.de / Inflation] erzählt oft nur die halbe Wahrheit. Wer im Supermarkt steht, merkt: Der Euro von heute kauft weniger als der von gestern. Ein gut ausgerichtetes Kern- und Satelliten-Portfolio kann helfen, diesen realen Kaufkraftverlust auszugleichen und darüber hinaus noch zusätzlich reales Vermögen zu schaffen. Dazu können gerade auch Satelliten im Portfolio beitragen – allerdings meist mit höherem Risiko.
Rebalancing und Pflege: So verhinderst du, dass der Satellit den Kern frisst
Eine Core-Satellite-Strategie ist kein „Fire and Forget“. Sie erfordert Pflege. Das Zauberwort heißt Rebalancing oder zurücksetzen.
Stell dir vor, dein Verteidigungs-ETF (Satellit) läuft fantastisch und verdoppelt sich. Aus den geplanten 10 Prozent Portfolio-Anteil sind plötzlich 18 Prozent geworden. Dein Risiko-Profil hat sich verschoben. Jetzt ist Disziplin gefragt: Du musst Anteile des Gewinners verkaufen und das Geld in den (vielleicht gerade schwächelnden) Core umschichten.

Das fühlt sich kontraintuitiv an („Warum den Gewinner verkaufen?“), ist aber essenziell. Ohne Rebalancing wird dein Portfolio schleichend immer riskanter. Zudem zwingt dich dieser Prozess zum antizyklischen Handeln: Du verkaufst teuer und kaufst billig nach.
Kosten im Blick behalten
Ein letzter technischer Hinweis: Achte auf die TER (Total Expense Ratio). Während Core-ETFs oft für 0,10% bis 0,20% oder sogar darunter zu haben sind, kosten spezialisierte Themen-ETFs oft 0,40% bis 0,65%, manchmal auch etwas mehr. Diese höheren Kosten müssen durch eine entsprechende Mehrrendite erst einmal verdient werden.
Fazit
Die Core-Satellite-Strategie ist ein mächtiges Werkzeug für Anleger, die mehr wollen als den Durchschnitt, aber nicht bereit sind, alles auf eine Karte zu setzen. Sie erlaubt es, aktuelle Trends wie KI, Verteidigung oder Indien abzubilden, ohne das Fundament des Vermögensaufbaus [Was sind Fonds?] zu gefährden.
Die Golden Nuggets zum Mitnehmen:
- Halte den Core stabil und groß (mindestens 70-80%).
2. Nutze Satelliten im Korridor von 5 bis 10 Prozent pro Thema.
3. Sieh die Satelliten als Ventil für deine Emotionen, damit der Kern unberührt bleibt.
4. Vergiss das Rebalancing nicht.
Am Ende bleibt die Frage: Welcher Satellit fehlt noch in deinem Depot – und bestehst du damit den Schlaftest?
Über den Experten: Thomas Meyer zu Drewer
Thomas Meyer zu Drewer ist einer der bekanntesten Köpfe der deutschen ETF-Branche. Als ehemaliger Geschäftsführer von INDEXCHANGE sowie ComStage und später in leitenden Positionen bei Lyxor und Amundi, hat er den ETF-Markt in Deutschland maßgeblich mitgeprägt. Er gilt als Pionier des passiven Investierens und ist bekannt dafür, komplexe Finanzprodukte für Privatanleger verständlich zu machen. Seine Analysen basieren auf jahrzehntelanger Erfahrung als Fondsmanager und im Geschäft mit institutionellen Investoren sowie Privatanlegern.
💡 Das Wichtigste in Kürze (Key Takeaways)
- Das Prinzip: Ein stabiler Welt-ETF (Core) stabilisiert das Vermögen, kleine Spezial-ETFs (Satelliten) sorgen für die Rendite-Chance.
• Die Goldene Regel: Investiere pro Satellit zwischen 5% und 10%. Darunter ist es Spielerei, darüber wird das Risiko unkalkulierbar.
• Psychologie: Nutze Satelliten als „Spielwiese“, um deinen Spiel-Trieb zu befriedigen, ohne den stabileren Kern zu gefährden.
• Pflichtaufgabe: Führe einmal jährlich ein Rebalancing durch, um Gewinne zu sichern und die Risikostruktur wiederherzustellen.
Häufige Fragen
Ist die Core-Satellite-Strategie für Anfänger geeignet?
Jein. Anfänger sollten sich zuerst auf den Aufbau eines soliden Kerns (Core) konzentrieren. Erst wenn ein gewisses Vermögen (z.B. ab 10.000 €) vorhanden ist und die Grundlagen sitzen, lohnt sich die Beimischung von Satelliten, da sonst die Transaktionskosten die Rendite auffressen.
Wie viele Satelliten sollte ich maximal haben?
Weniger ist mehr. Um die Übersicht zu behalten und die „5-10% Regel“ einzuhalten, empfehlen Experten maximal 2 bis 3 Satelliten. Wer zu viele Nischen-ETFs kauft, verliert den Überblick und erhöht oft ungewollt die Korrelation und das eigentlich erwünschte Risiko im Depot.
Eignen sich auch Einzelaktien als Satelliten?
Ja, absolut. Die Strategie funktioniert nicht nur mit Themen-ETFs. Auch Einzelaktien (z.B. Apple, Rheinmetall) oder Krypto-Positionen können als Satelliten fungieren. Wichtig ist nur, dass das Risiko auf den Satelliten-Anteil auf den individuell gewünschten Anteil begrenzt bleibt.
Was passiert, wenn ein Satellit stark fällt?
Das ist das Sicherheitsnetz der Strategie: Da der Satellit nur einen kleinen Teil (z.B. 10%) ausmacht, verkraftet das Gesamtportfolio auch einen Crash dieses Sektors. Du solltest dann prüfen, ob die Investment-These noch intakt ist, und ggf. per Rebalancing günstig nachkaufen oder die Position schließen.
Disclaimer:
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.
Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

