Private Markets für Privatanleger: Warum 90% der Unternehmen in deinem Portfolio fehlen

Dein ETF-Sparplan läuft. Du bist diversifiziert. Du bist fertig.

Oder?

Wer in einen MSCI World investiert, hält Anteile an knapp 1.500 börsennotierten Unternehmen weltweit. Klingt viel. Ist es aber nicht – gemessen an dem, was wirklich da draußen existiert. Denn rund 90 Prozent aller Unternehmen sind niemals an die Börse gegangen. Der Mittelständler in deiner Stadt, das Wachstumsunternehmen, das gerade eine neue Produktionslinie finanziert – für Private-Markets-Privatanleger waren diese Investitionsmöglichkeiten jahrzehntelang schlicht nicht zugänglich.

Das ändert sich gerade. Und wer die Entwicklung rund um Private Markets für Privatanleger versteht, baut ein strukturell besseres Portfolio.

 

Das blinde Fleck im ETF-Depot – die 90/10-Lücke

 

ETFs haben die Geldanlage demokratisiert. Günstig, transparent, breit gestreut – für den Einstieg ins Investieren kaum zu schlagen. Aber sie haben eine strukturelle Grenze, über die kaum gesprochen wird.

„Bei ETF-Investieren bist du bisher eingeschränkt auf Investitionen in Unternehmen, die ihren IPO gemacht haben – und das sind ja nur gute zehn Prozent, die wirklich an der Börse sind."

Die restlichen 90 Prozent? Mittelständler, Infrastrukturbetreiber, Wachstumsunternehmen. Allesamt außerhalb deines Depots. Family Offices und institutionelle Investoren – Pensionsfonds, Stiftungen, Versicherungen – wissen das seit Jahrzehnten. Sie investieren deshalb nicht nur in Aktien und Anleihen, sondern auch in Private Equity, Private Credit und Infrastruktur. Das Ergebnis: breitere Diversifikation, geringere Volatilität, stabilere Gesamtrendite.

 

Was sind Private Markets – und welche Anlageklassen stecken dahinter?

 

Private Markets ist ein Oberbegriff. Dahinter verbergen sich vier relevante Anlageklassen, die sich in Risiko, Rendite und Charakter stark unterscheiden.

 

Private Equity

Fonds kaufen Anteile an nicht börsennotierten Unternehmen – oft Mehrheitsbeteiligungen – und schaffen aktiv Wert, indem sie Synergien heben, Expansion finanzieren und das Unternehmen operativ weiterentwickeln. Das ist kein passives Halten von Titeln, sondern echte unternehmerische Arbeit.

 

Private Credit

Hier bist du nicht Anteilseigner, sondern Gläubiger. Der Fonds vergibt Darlehen an Mittelständler, die wachsen und Kapital brauchen. Es gibt eine Rückzahlungsverpflichtung. Vom Charakter ähnelt das einer Anleihe – defensiver als Aktien, aber mit attraktiver laufender Rendite.

 

Infrastruktur

Investitionen in die physische Welt: Flughäfen, Glasfasernetze, Schienennetze. Anlagen, die täglich genutzt werden, unabhängig vom Börsengeschehen. Die Renditen sind oft gering oder unkorreliert zum Aktienmarkt – ein echter Diversifikationsgewinn.

 

Multi-Alternatives

Kombiniert alle Klassen in einem einzigen Fonds – ideal für Anleger, die nicht selbst zwischen den Anlageklassen wählen wollen.



Mehr Rendite, weniger Risiko? Was die Zahlen wirklich sagen

 

Das klingt nach einem Versprechen, das zu gut ist, um wahr zu sein. Deshalb lohnt es sich, genau hinzuschauen.

Die Rendite bei Private Markets ist nicht per se höher als am Aktienmarkt. Bei NOW gibt es keine Einzelinvestitionen, nur Fonds – also Diversifikation innerhalb der Anlageklasse. Zielrenditen von 13–14 % bei Private Equity (historisch belegt) stehen realen Gesamtkosten von ~3 % gegenüber. Das muss eingepreist werden. Zum Vergleich: ein ETF kostet wenige Basispunkte im Jahr.

Der eigentliche Mehrwert liegt in der Korrelation. Private Credit und Infrastruktur entwickeln sich weitgehend unabhängig vom Aktienmarkt. In einem Umfeld, in dem geopolitische Schocks Indizes über Nacht bewegen und klassische 60/40-Portfolios ins Wanken geraten, ist das kein theoretischer Vorteil – es ist ein struktureller Schutzschirm.

Die sogenannte Illiquiditätsprämie beschreibt genau das: Wer bereit ist, sein Kapital langfristig zu binden und auf tägliche Handelbarkeit zu verzichten, bekommt dafür einen Renditeaufschlag. Das Risiko ist also nicht zwingend höher – es ist anders verteilt.

Die Manager-Frage: Warum die Plattformwahl über Erfolg oder Misserfolg entscheidet

 

Hier liegt der entscheidende Unterschied zu ETF-Investieren – und er wird massiv unterschätzt.

Bei ETFs macht es kaum einen Unterschied, ob du iShares oder Xtrackers nimmst. Ein paar Basispunkte Kostenunterschied – das war’s. Das Produkt ist passiv, der Markt bestimmt die Rendite.

 

„Die Renditeunterschiede von den verschiedenen Managern sind wirklich dramatisch. Wenn du die Top 25% und die schlechtesten 25% vergleichst, sind da 20 Prozentpunkte Unterschied von Renditen.“

— Robin Binder, Gründer & CEO NAO (InvestNAO)

 

Wer beim falschen Manager landet, performt schlechter als sein MSCI World – trotz höherer Kosten und gebundenem Kapital. Das wäre das schlechteste aller Szenarien.

Der Grund liegt im Wesen der Anlageklasse: Bei aktiven Aktienfonds sucht ein Manager gute Titel. Bei Private Equity wird tatsächlich Wert geschaffen. Manager kaufen Mehrheiten von Unternehmen, gehen operativ rein, heben Synergien und helfen bei Expansion und Innovation. Die Managerselektion ist die eigentliche Renditequelle – und die Spreizung zwischen guten und schlechten Managern ist dementsprechend enorm.

NOW lehnt nach eigenen Angaben rund 75 % aller anfragenden Fonds ab und arbeitet aktuell mit 15 Asset Managern zusammen – darunter Partners Group, Goldman Sachs Asset Management, Hamilton Lane und BNP Paribas. Maximal 20–25 Produkte befinden sich gleichzeitig auf der Plattform, mit laufender Rotation.

 

Das größte Risiko bei Private-Markets-Investments – und wie du es kontrollierst

 

Das Hauptrisiko bei Private Markets ist nicht Verlust. Es ist Missverständnis.

 

„Das größte Risiko ist, wenn man sich nicht bewusst ist, dass die Produkte langfristig und eher illiquide sind – wenn man denkt, das wird gehandelt wie eine Aktie, weil dem ist nicht so.“

— Robin Binder, Gründer & CEO NAO (InvestNAO)

 

Private Markets sind keine Anlageform, die du morgen wieder verkaufen kannst. Die Preisfindung dauert mitunter 2–3 Monate, bis du einen neuen Kurs siehst. Das macht alles träger. Aber: Genau das schützt dich auch vor Panikverkäufen. Wer nicht täglich den Portfoliowert sieht, verkauft nicht in Panik, wenn die Börsen crashen.

Der empfohlene Anlagehorizont liegt bei mindestens 5 Jahren. Wer das nicht akzeptieren kann oder sich mit gebundenem Kapital unwohl fühlt, sollte die Finger davon lassen.

Kurzer Reality-Check zum ELTIF 2.0: Die regulatorische Reform von 2024 hat den Zugang für Privatanleger deutlich erleichtert – geringere Mindestanlagesummen, breitere Anlagemöglichkeiten, erhöhter Anlegerschutz. Kritiker warnen allerdings vor dem sogenannten Liquidity Mismatch bei semi-liquiden Evergreen-Strukturen: Wenn viele Anleger gleichzeitig aussteigen wollen, kann das in Krisenzeiten problematisch werden. Wer ernsthaft einsteigt, sollte diesen Kompromiss bewusst eingehen – nicht blind.

 

Wie du als ETF-Investor jetzt konkret startest – ein pragmatischer Fahrplan

 

Du hast deinen ETF-Sparplan. Du willst Private Markets ergänzend testen. Wie gehst du vor?

Robin Binder empfiehlt einen stufenweisen Einstieg: zunächst 1–2 % des Gesamtportfolios investieren, beobachten, verstehen – wie entwickeln sich die Kurse, wie verhält sich die Anlageklasse, wie fühlt sich die Illiquidität an? Parallel einen Sparplan aufsetzen, wenn man sich sicherer fühlt.

Langfristige Zielallokation: Zwischen 10 und 20 % des Portfolios sind vertretbar. Das entspricht in etwa dem, was institutionelle Investoren und Family Offices typischerweise halten.

Vier Fragen, bevor du investierst:

  • Kann ich das eingesetzte Kapital mindestens 5 Jahre entbehren?
  • Verstehe ich den Unterschied zwischen Private Equity, Private Credit und Infrastruktur?
  • Will ich mehr Renditepotenzial (Equity) oder mehr Defensivität (Credit, Infrastruktur)?
  • Kenne ich den Kurationsprozess und Due-Diligence-Standard der Plattform?

 

Private Markets 2025 – Demokratisierung oder Hype?

 

Drei Kräfte treiben den Markt gerade gleichzeitig: veränderte Informationsgewohnheiten (mehr Content Creator, mehr Medienpräsenz), ein neues regulatorisches Fundament durch ELTIF 2.0 und eine globale Marktunsicherheit, die den Wunsch nach echter Portfolio-Diversifikation abseits der Börse befeuert.

Dass nun auch Neobroker wie Trade Republic Private-Equity-Produkte anbieten, ist kein Zufall. Es ist ein Marktsignal. Für Anleger bedeutet das: mehr Auswahl, aber auch mehr Verantwortung bei der Produktprüfung.

Das Fazit? Private Markets sind kein Allheilmittel und kein Ersatz für deinen ETF-Sparplan. Aber für finanziell gebildete Anleger mit langem Horizont und der Bereitschaft, sich ernsthaft mit der Materie auseinanderzusetzen, schließen sie eine strukturelle Lücke im Portfolio – die Lücke, die 90 % der Unternehmen dieser Welt ausfüllen.

 

📌  Das Wichtigste auf einen Blick

  • 90 % aller Unternehmen sind nicht börsennotiert – und damit bisher außerhalb deines ETF-Depots.
  • Private Markets umfassen Private Equity, Private Credit, Infrastruktur und Multi-Alternatives – mit unterschiedlichen Risiko-/Renditeprofilen.
  • Private Credit & Infrastruktur sind defensiver als Aktien – nicht zwingend risikoreicher.
  • Die Managerwahl ist entscheidend: 20 Prozentpunkte Renditeunterschied zwischen Top- und Schlussquartil.
  • Das größte Risiko: Illiquidität unterschätzen. Mindestanlagehorizont: 5 Jahre.
  • Pragmatischer Einstieg: 1–2 % des Portfolios, langfristige Zielallokation: 10–20 %.

Häufige Fragen

Nein – und das ist keine Schwäche, sondern Ehrlichkeit. Private Markets eignen sich für Anleger, die erstens einen Anlagehorizont von mindestens 5 Jahren mitbringen und zweitens auf die Liquidität des eingesetzten Kapitals in dieser Zeit verzichten können. Wer kurzfristig an sein Geld muss, ist mit einem ETF-Sparplan besser bedient. Wer sein Portfolio langfristig breiter aufstellen will und das Thema Illiquidität versteht, kann Private Markets als sinnvolle Beimischung von 10–20 % in Betracht ziehen

Der entscheidende Unterschied liegt im Wesen der Wertschöpfung. Ein aktiv gemanagter Aktienfonds sucht nach börsengehandelten Titeln, die er für unter- oder überbewertet hält. Ein Private-Equity-Fonds kauft Mehrheitsbeteiligungen an Unternehmen, geht operativ rein, hebt Synergien und macht ein gutes Unternehmen noch besser. Es wird aktiv Wert geschaffen, nicht nur Wert erkannt. Deshalb ist die Managerselektion bei Private Equity so entscheidend und die Renditeunterschiede zwischen guten und schlechten Managern dramatisch.

ELTIF steht für European Long-Term Investment Fund. Es handelt sich um einen regulierten Fondstyp, der es Privatanlegern ermöglicht, in illiquide Anlageklassen wie Private Equity, Private Credit und Infrastruktur zu investieren. Die ELTIF-2.0-Reform von 2024 hat die Einstiegshürden deutlich gesenkt – geringere Mindestanlagesummen, breitere Anlagemöglichkeiten, erhöhte Transparenzpflichten. Wichtig: Auch ELTIF-Fonds sind im Kern illiquide. Semi-liquide Evergreen-Strukturen bieten zwar begrenzte Rückgabemöglichkeiten, diese können in Krisenzeiten aber eingeschränkt oder ausgesetzt werden.

Als Faustregel gilt: Ein Einstieg mit 1–2 % des Gesamtportfolios ist sinnvoll, um die Anlageklasse zunächst kennenzulernen. Als langfristige Zielallokation sind 10–20 % vertretbar – das entspricht dem, was institutionelle Investoren und Family Offices typischerweise halten. Wichtig ist, nur Kapital einzusetzen, das über den gesamten Anlagehorizont nicht benötigt wird.

Bei aktiv gemanagten Aktienfonds ist der Informationsvorteil gegenüber dem Markt strukturell begrenzt – öffentliche Informationen sind eingepreist, und die Kosten fressen die Mehrrendite auf. Bei Private Equity existiert dieser Mechanismus nicht: Es gibt keine tägliche Kursfindung, keinen effizienten Markt. Die Qualität des Managers macht den Unterschied. Deshalb liegt der Abstand zwischen Top- und Schlussquartil bei Private-Equity-Managern bei bis zu 20 Prozentpunkten – während er bei ETF-Anbietern auf wenige Basispunkte zusammenschrumpft.

Disclaimer:

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.
Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

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