ETF Value – Warum die alte Strategie nicht mehr reicht

Warum haben Anleger mit klassischen Value-ETFs jahrelang Rendite liegenlassen – und wie funktioniert ein moderner ETF Value wirklich? Genau das haben wir Heiko Böhmer gefragt. Der Kapitalmarktstratege von Shareholder Value hat 20 Jahre über Aktien und Börse geschrieben – und lebt Value Investing heute tagtäglich. Auf dem Börsentag Frankfurt hat er uns erklärt, warum die alte Value-Formel nicht mehr aufgeht, was einen aktiven ETF wirklich ausmacht, und was er beim 13. Besuch der Berkshire-Hauptversammlung erlebt hat, als Warren Buffett das Mikrofon für immer weglegte.

Wenn du schon mal einen ETF auf den MSCI World Value betrachtet hast und dich gewundert hast, warum der jahrelang hinterherhinkte: Das hat einen Grund. Und wenn du wissen willst, wie smarte Anleger heute mit einem ETF Value echte Qualitätsunternehmen ins Depot holen – ohne blind niedrige KGVs zu verfolgen – dann lies weiter.

 

Was ist ein ETF Value – und was steckt wirklich dahinter?

Definition – ETF Value

 

Ein ETF Value – auch Value-ETF oder Value-Faktor-ETF genannt – ist ein börsengehandelter Fonds, der gezielt in Aktien investiert, die gemessen an fundamentalen Kennzahlen unterbewertet erscheinen. Typische Kriterien sind ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), ein geringes Kurs-Buchwert-Verhältnis oder eine überdurchschnittliche Dividendenrendite.

Die Idee dahinter ist Jahrzehnte alt und geht auf Benjamin Graham zurück, den Lehrer von Warren Buffett. Wer eine Aktie kauft, die weniger kostet als ihr innerer Wert, kauft mit Sicherheitspuffer. Das klingt logisch – und hat lange funktioniert. Aber dann kamen die 2010er Jahre.

 

Warum klassisches Value Investing in den letzten zehn Jahren gescheitert ist

 

„Das Thema bei Value-Aktien in den letzten zehn Jahren war, dass der Blick auf die niedrige Bewertung von Unternehmen nicht wirklich zum Ziel führt.“

— Heiko Böhmer, Kapitalmarktstratege Shareholder Value

Das Problem ist so einfach wie unangenehm: Viele Unternehmen im klassischen ETF Value waren nicht zufällig günstig bewertet. Sie waren günstig, weil der Markt gute Gründe hatte. Zu wenig Wachstum. Veraltete Geschäftsmodelle. Stagnierende Umsätze. Die Bewertungslücke schloss sich nie – weil sie berechtigt war.

Gleichzeitig dominierte ein anderer Faktor die Märkte: Wachstum. Tech-Konzerne mit zunächst riesigen Bewertungen, aber auch enormem Umsatzpotenzial liefen dem klassischen Value-ETF davon. Wer stur einen ETF auf den MSCI World Value im Depot hielt, schaute in der Kurve über viele Jahre ziemlich alt aus.

Die Lektion ist eindeutig: Günstig bewertet zu sein ist kein Qualitätsmerkmal. Es kann auch ein Warnsignal sein. Wer auf Faktor-Investing setzt – also gezielt auf den Value-Faktor wettet – muss verstehen, warum ein Unternehmen günstig bewertet ist. Nur dann macht Faktor-Investing langfristig Sinn.

 

Modern Value – Qualität statt billiger Preis

 

Genau hier setzt Heiko Böhmers Ansatz an. Was Shareholder Value als ‚Modern Value Strategie‘ bezeichnet, klingt im ersten Moment nach einem cleveren Begriff. Dahinter steckt aber eine echte Kurskorrektur des klassischen Value-Denkens.

Der Kern: weg vom reinen Fokus auf die Bewertung, hin zur Qualität des Geschäftsmodells. Hochwertige Geschäftsmodelle liefern langfristig stabilere Renditen an den Börsen. Ja, man zahlt am Anfang eine etwas höhere Bewertung – aber das zahlt sich langfristig aus.

Das ist der Schnittpunkt zwischen klassischem Value Investing und dem Quality-Faktor – einem Ansatz, den viele ETF-Anleger bereits aus Quality- oder Dividenden-ETFs kennen. Modern Value kombiniert beide Welten: keine überteuerten Wachstumstitel, aber auch keine Schnäppchen mit strukturellen Problemen. In der ETF-Welt fällt diese Denkweise unter den Begriff Smart Beta – also regelbasierte Strategien, die gezielt einzelne Renditefaktoren wie Value oder Quality ansprechen, statt blind einem Marktindex zu folgen.

 

Der Frankfurter Modern Value ETF – ein aktiver ETF als Mittelweg

 

Shareholder Value hat diesen Ansatz in einen eigenen ETF Value gegossen – konkret in einen aktiven ETF auf Basis des selbst entwickelten Frankfurter Modern Value Index. Das Besondere: Das Portfolio enthält 25 Titel und wird einmal pro Quartal rebalanciert. Dabei tauscht Shareholder Value zwei bis fünf Positionen aus, je nachdem, wie sich die Qualität der Geschäftsmodelle entwickelt. Der zugrunde liegende Index entstand gemeinsam mit dem deutschen Indexanbieter Solactive.

Böhmer beschreibt die Positionierung mit einem klaren Bild: Auf der einen Seite ein klassischer MSCI World ETF, der den Index 1 zu 1 abbildet. Auf der anderen Seite ein vollständig aktiv verwaltetes Portfolio wie das von Cathie Wood. Dieser aktive ETF liegt genau dazwischen – kein blinder Index, aber auch keine vollständige Fondsmanager-Willkür.

Besonders erfrischend: Böhmer veröffentlicht jeden Quartal einen Blogbeitrag auf shareholdervalue.de, in dem er offenlegt, welche Titel rein- und rauskommen. Für Anleger, die wissen wollen, was in ihrem ETF Value steckt – ein seltenes Maß an Transparenz in der Branche.

 

Warren Buffett, Greg Abel und die Zukunft von Berkshire Hathaway

 

Kein Gespräch über ETF Value und Value Investing kommt an Warren Buffett vorbei. Böhmer war 13 Mal bei der Berkshire Hathaway Hauptversammlung in Omaha dabei – einem Event mit bis zu 35.000 Investoren aus aller Welt, die sich in einer Arena mit 18.000 Plätzen versammeln, um Fragen direkt an Buffett zu stellen. Keine eingereichten Fragelisten, keine Filterung – einfach fragen und hören, was der bekannteste Investor aller Zeiten antwortet.

2024 erlebte Böhmer dort einen der emotionalsten Momente seiner Anlegerkarriere. Buffett, inzwischen 95 Jahre alt, kündigte am Ende der Veranstaltung an, die Hauptrolle abzugeben. Sein langjähriger Partner Charlie Munger war Ende 2023 mit annähernd 100 Jahren verstorben. Das Publikum stand auf und spendete lange Standing Ovations. Greg Abel übernimmt das Ruder.

Für Berkshire Hathaway bedeutet das einen Übergang – aber keinen Erdrutsch. Das Unternehmen ist ein riesiger Tanker: Über 70 Tochterunternehmen gehören dazu, von Versicherungen bis zur Eisenbahn – ein Aspekt, den Anleger oft vergessen, wenn sie nur auf die bekannten Aktienpositionen schauen. Greg Abel wird an den großen Stellschrauben nicht drehen, glaubt Böhmer.

Was sich ändern könnte: der Umgang mit dem Cashbestand. Berkshire Hathaway sitzt aktuell auf rund 380 Milliarden US-Dollar an liquiden Mitteln. Buffett hat über Jahrzehnte darauf bestanden, keine Dividende auszuschütten. Unter Abel wäre eine Sonderdividende durchaus denkbar – ein Signal, das viele Berkshire-Aktionäre gespannt beobachten werden.

 

Was bedeutet das konkret für dich als Anleger?

 

Drei Lektionen aus dem Gespräch mit Heiko Böhmer, die du direkt mitnehmen kannst:

 

  1. Günstig ist kein Qualitätsmerkmal.

Ein ETF Value, der nur auf KGV oder Buchwert schaut, kann in Fallen locken. Frag immer: Warum ist diese Aktie günstig? Hat das Unternehmen echtes Potenzial – oder gibt es einen guten Grund, dass der Markt sie niedrig bewertet?

 

  1. Qualität hat ihren Preis – und zahlt sich aus.

Modern Value akzeptiert eine etwas höhere Bewertung für starke Geschäftsmodelle. Das ist keine Schwäche, sondern eine bewusste Entscheidung für langfristige Stabilität.

 

  1. Geduld ist die erste Investorenpflicht.

Böhmers wichtigster Tipp: nicht hektisch agieren, nicht auf den perfekten Einstieg warten. Wer langfristig investiert, für den ist es relativ egal, ob der Kauf heute oder in drei Monaten passiert. Wichtig ist: überhaupt anfangen. Am besten mit einem monatlichen Sparplan.

 

Fazit – ETF Value: Alte Idee, neue Umsetzung

 

Value Investing funktioniert noch – aber nicht mehr so, wie es Benjamin Graham vor fast 100 Jahren erdacht hat. Wer heute blind in einen ETF Value investiert, der nur auf niedrige Bewertungen setzt, könnte erneut enttäuscht werden.

Die smarte Variante: Qualität in den Fokus rücken. Unternehmen finden, die nicht nur günstig sind, sondern deren Geschäftsmodell langfristig trägt. Genau das ist der Kern von Modern Value – und genau das setzt Heiko Böhmer mit dem Frankfurter Modern Value ETF um.

„Geduld ist die erste Investorenpflicht.“

— Heiko Böhmer

Key Takeaways – Das Wichtigste auf einen Blick

 

  • Klassische ETF Value Strategien haben jahrelang underperformed – weil Wachstum den Markt dominierte
  • Modern Value setzt auf Unternehmensqualität statt nur auf niedrige Bewertung
  • Aktive ETFs bieten einen Mittelweg zwischen blindem Index und aktivem Fondsmanagement
  • Berkshire Hathaway steht vor einem ruhigen Übergang zu Greg Abel – mit möglicher Sonderdividende
  • Geduld bleibt die erste Investorenpflicht – Sparplan einrichten und anfangen

Häufige Fragen

Ein ETF Value ist ein börsengehandelter Fonds, der in Aktien investiert, die anhand von Kennzahlen wie dem KGV oder dem Kurs-Buchwert-Verhältnis als unterbewertet gelten. Das Ziel ist es, vom Moment zu profitieren, in dem der Markt den wahren Wert dieser Unternehmen erkennt. Bekannte Beispiele sind ETFs auf den MSCI World Value Index.

Viele Unternehmen im klassischen ETF Value waren günstig bewertet – aber nicht ohne Grund: Sie wuchsen zu langsam. Der Markt belohnte in den 2010er Jahren vor allem Wachstumsunternehmen, insbesondere im Tech-Bereich. Klassische Value-Aktien mit niedrigem KGV konnten nicht mithalten. Das hat sich zuletzt verändert, aber Anleger brauchen weiterhin einen langen Atem.

Ein passiver ETF bildet einen Index möglichst genau nach, ohne eigene Entscheidungen des Managements. Ein aktiver ETF hat mehr Spielraum: Er orientiert sich an einem Index, weicht aber bewusst davon ab, um bessere Renditen zu erzielen. Der Frankfurter Modern Value ETF von Shareholder Value ist ein Beispiel – er basiert auf einem selbst entwickelten Index mit 25 Titeln, der quartalsweise angepasst wird.

Ja – mit Geduld. Ein ETF Value eignet sich für langfristig orientierte Anleger, die mindestens zehn Jahre dabei bleiben. Wer monatlich per Sparplan investiert, hat gute Chancen, von der Value-Prämie zu profitieren. Wichtig: Ein ETF Value ist kein Ersatz für ein breit gestreutes Welt-Portfolio, sondern eher eine sinnvolle Ergänzung.

Greg Abel übernimmt die Führung. Er soll das Unternehmen ruhig weiterführen – Berkshire bleibt ein breites US-Konglomerat aus über 70 Tochterunternehmen plus Aktienbeteiligungen. Manche Experten, darunter Heiko Böhmer, halten eine Sonderdividende für möglich: Bei rund 380 Milliarden US-Dollar Cashbestand wäre das ein starkes Signal an die Aktionäre.

Infobox – Interviewpartner:

Heiko Böhmer | Kapitalmarktstratege, Shareholder Value Management AG

Heiko Böhmer war 20 Jahre lang Börsenredakteur und ist heute Kapitalmarktstratege bei Shareholder Value, einer Fondsboutique aus Frankfurt. Er ist regelmäßig zu Gast bei Finanzformaten wie Mission Money und war 13 Mal bei der Berkshire Hathaway Hauptversammlung in Omaha. Shareholder Value betreibt den Frankfurter Modern Value Index und bietet aktive Fonds sowie einen aktiven ETF auf Basis ihrer Modern Value Strategie an.

🌐 shareholdervalue.de

Disclaimer:

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.
Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

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