„Der Pessimist ist der einzige Mist, auf dem nichts wächst. Und das ist die Ausgangsbasis für meinen Optimismus.“ – Heiko Thieme, Börsenexperte & Investor
Wer diese Aussage auf dem Börsentag Wien hört, weiß sofort: Hier spricht jemand, der nicht theoretisiert. Heiko Thieme begleitet die Börse seit über 50 Jahren – und bringt eine Botschaft mit, die unbequem ist: Der Staat kann seine Rentenversprechen nicht halten. Wer mit Altersvorsorge ETF selbst vorsorgt, hat die einzige verlässliche Alternative. Lukas von Investier oder Verlier hat Heiko auf dem Börsentag Wien getroffen – herausgekommen ist ein Gespräch, das keine Theorie liefert, sondern einen konkreten Plan.
Infobox Interviewpartner
Name | Heiko Thieme |
Rolle | Börsenexperte, Investor, Autor & Redner |
Erfahrung | 50+ Jahre in Wirtschaftspolitik und Börse |
Früherer Arbeitgeber | Deutsche Bank (ab 1979) |
@heikolthieme (195.000 Follower, tägliche 1-Minuten-Sendung) Website: www.heiko-thieme.club | |
Auftritte | Börsen- & Anlegertage Wien, München, Frankfurt, Düsseldorf |
Besonderheit | Über 10.000 Seiten publiziert, spricht nie zweimal denselben Vortrag |
Gesetzliche Rente und Rentenlücke: Warum der Staat seine Versprechen nicht einhalten kann
Die Börse wurde in Deutschland jahrzehntelang als Spielcasino abgetan – als Tummelplatz für Reiche und Spekulanten. Thieme war dabei, als sein damaliger Chef bei der Deutschen Bank es so formulierte: Aktien in Deutschland zu verkaufen, sei schwieriger als Steine zu klopfen. Diese Einstellung hat eine Generation von Sparern teuer bezahlt.
Das Kernproblem ist mathematisch, nicht politisch. Der Staat hat gegenüber seinen Bürgern Pensionsverpflichtungen aufgebaut, ohne dafür Rückstellungen zu bilden. Jedes private Unternehmen wäre dafür haftbar – Thieme bringt es auf den Punkt: Die Verantwortlichen würden im Gefängnis sitzen.
Die Riester-Rente als gescheitertes Versprechen – was die Zahlen zeigen
Die Riesterrente klingt auf dem Papier gut. In der Praxis haben vor allem Finanzinstitute durch ihre Kostenstrukturen profitiert – was beim Anleger ankam, beschreibt Thieme schlicht als Peanuts. Das Problem: Die eingezahlten Summen waren schlicht zu gering, um nach Kosten noch eine relevante Rendite zu erzeugen.
Das Vertrauen in staatlich geförderte Vorsorgemodelle ist nicht unbegründet erschüttert. Der entscheidende Wechsel ist kein Vertrauensproblem, sondern ein Systemwechsel: Wer auf Altersvorsorge ohne Staat setzt, übernimmt die Kontrolle selbst.
Staatliche vs. private Rückstellungen: Warum Unternehmen im Gefängnis sitzen würden
Ein Unternehmen mit Angestellten muss Pensionspläne durch laufende Rückstellungen absichern. Der Staat hat das strukturell nie getan. Das Ergebnis ist ein wachsendes Loch in den Pensionsverpflichtungen – und eine Generation, die früher als jede andere akzeptieren muss, dass private Vorsorge keine Option, sondern Notwendigkeit ist.
Der Starbucks-ETF-Sparplan: Wie 6 Euro täglich zu einer Million Euro werden
Thieme ist bekannt dafür, abstrakte Finanzkonzepte in greifbare Bilder zu verwandeln. Sein bekanntestes Beispiel: der tägliche Kaffee bei Starbucks. Wer auf die tägliche Tasse für sechs bis acht Euro verzichtet – oder sie zu Hause zubereitet – hat damit die Grundlage für einen ernsthaften ETF-Sparplan (Exchange Traded Funds). Das sind rund 2.000 Euro im Jahr. Nicht viel – aber der Zinseszins macht daraus etwas Erstaunliches, wenn man früh anfängt und konsequent bleibt.
Die Formel: Alter × 100 Euro – so funktioniert die jährliche Steigerung
Thieme schlägt keine feste Sparrate vor – er spricht über eine Sparrate, die mit dem Lebensalter wächst. Die Formel: Sparrate im Jahr = Lebensalter × 100 Euro. Wer mit 20 anfängt, investiert 2.000 Euro im Jahr. Mit 21 sind es 2.100 Euro, mit 30 sind es 3.000 Euro, mit 40 dann 4.000 Euro.
Das Prinzip dahinter: Das Einkommen steigt mit dem Alter – und die Sparrate soll mitsteigen. So wächst der Einsatz organisch, ohne dass es sich wie Verzicht anfühlt.
Was nach Inflation bleibt: 185.000 Euro Einsatz, rund 1 Million Euro Endkapital
Über das gesamte Erwerbsleben von 20 bis 65 Jahren summiert sich der Gesamteinsatz nach Thiemes Modell auf rund 185.000 Euro. Nach Abzug einer Inflation von zwei bis drei Prozent ergibt sich auf heutiger Geldbasis ein Endkapital von rund einer Million Euro – investiert in ETFs oder ein diversifiziertes Portfolio an der Börse. Das ist Zinseszins im Zusammenspiel mit Konsequenz und Zeit.
Rente ohne Kapitalverzehr – wie 1 Million Euro monatlich 6.500 Euro ausschüttet
Eine Million Euro klingt nach einem abstrakten Fernziel. Thieme macht es konkret: Was passiert, wenn dieses Kapital im Ruhestand im Markt bleibt, statt aufgebraucht zu werden?
„Mit einer Stunde im Jahr kann man sein ganzes Portfolio aufbauen und auf Selbstfahrermethodik laufen lassen.“ – Heiko Thieme, Börsenexperte & Investor
Das Rentenmodell ohne Kapitalverzehr basiert auf einem einfachen Rechenschritt: Der DAX hat seit 1988 eine durchschnittliche Jahresrendite von knapp neun Prozent erzielt. Thieme rechnet konservativ mit acht Prozent.
DAX-Rendite, Zinseszins und das Prinzip der finanziellen Selbstversorgung
Acht Prozent Rendite auf eine Million Euro – das sind 80.000 Euro im Jahr, oder rund 6.500 Euro im Monat. Das Kapital selbst wird nicht angetastet. Es bleibt investiert und generiert weiter Rendite. Wer nur die Ausschüttung entnimmt, hat ein permanentes Einkommen – Thieme nennt es treffend: finanzielle Selbstversorgung.
Das ist das Gegenteil der gesetzlichen Rente, die mit dem Ableben endet und keine Erbmasse hinterlässt.
Was bedeutet das für Paare? 13.000 Euro monatlich auf heutiger Geldbasis
Wenn beide Partner das Modell umsetzen, verdoppeln sich die Zahlen. Zwei Millionen Euro Kapital, zwei Mal 6.500 Euro Monatsrendite – zusammen 13.000 Euro im Monat auf heutiger Geldbasis, ohne einen einzigen Euro des Grundkapitals aufzehren. Das ist kein Luxusszenario. Es ist das Ergebnis von Konsequenz über 45 Jahre.
ETF-Portfolio aufbauen für Anfänger – so einfach ist der Start wirklich
Der häufigste Einwand gegen das Investieren klingt so: Wenn es wirklich so einfach wäre, würde es ja jeder machen. Thieme kennt diesen Gedanken gut – und hält dagegen: Das System ist gar nicht komplex. Es wird nur so dargestellt.
Geldanlage für Anfänger bedeutet heute: Ein Depot eröffnen, einen oder mehrere ETFs auswählen, einen Sparplan für Börseneinsteiger einrichten – und dann kaum noch etwas tun. Kein Berater, keine teuren Produkte, keine undurchsichtigen Kosten.
Eine Stunde pro Jahr reicht – welche Aufmerksamkeit ein ETF-Portfolio wirklich braucht
Thieme ist direkt: Eine Stunde jährlicher Aufmerksamkeit reicht aus, um ein Portfolio konstruktiv und effizient zu gestalten. Wer zehn Prozent Rendite erzielt, verdoppelt sein Kapital alle sieben Jahre. Das geschieht nicht durch tägliches Handeln, sondern durch das Nichthandeln in Panik-Momenten.
Die Selbstfahrermethodik – Thiemes Begriff – bedeutet: Das Portfolio läuft, du lebst dein Leben.
Streuung ohne Überblick zu verlieren – Einzelwerte, ETFs und die Buffett-Methode
Wie viel Diversifikation ist sinnvoll? Thieme empfiehlt, nicht alles in einen Korb zu legen – aber auch nicht so breit zu streuen, dass der Überblick verloren geht. Auf der einen Seite des Spektrums steht Warren Buffett, der sein Vermögen mit rund einem Dutzend Einzelwerten aufgebaut hat – Berkshire Hathaway trägt bewusst den Namen eines gescheiterten Unternehmens als tägliche Erinnerung daran, dass auch Fehler zum System gehören.
ETFs liegen dazwischen: breit diversifiziert, kostengünstig, wartungsarm. Für die meisten Privatanleger ist das die überlegene Lösung – ergänzt um einzelne Positionen für diejenigen, die tiefer einsteigen wollen.
Wer noch nicht investieren kann – Thiemes Forderung nach einer Aktienkultur in Deutschland
Nicht jeder kann mit 20 Jahren einen Sparplan starten. Wer sein Einkommen vollständig für den Lebensunterhalt benötigt, hat keinen Spielraum. Thieme erkennt das an – und hat eine strukturelle Antwort.
Sein Vorschlag: Der Staat legt für jedes Neugeborene 10.000 Euro in einen börseninvestierten Fonds an – ähnlich dem Modell des norwegischen Staatsfonds. Das Kapital wächst jahrzehntelang, kann nach 30 bis 40 Jahren weitergegeben werden und bildet die Basis für eine generationsübergreifende Aktienkultur in Deutschland.
10.000 Euro für jedes Neugeborene – eine praktikable Lösung oder Utopie?
Thieme nennt es selbst: keine Theorie, sondern eine praktikable Lösung. Ähnliche Überlegungen hat auch Christian Lindner von der FDP angestellt – Thieme betont, er habe diesen Ansatz schon etliche Jahre früher propagiert. Das Modell ist durchdacht: Wächst das Startkapital über Jahrzehnte an der Börse, ist schon ein erheblicher Teil des Millionenziels erreicht – selbst ohne zusätzliche Eigeneinzahlungen.
Aktienquote in Deutschland: Wo stehen wir – und wo sollten wir sein?
Thieme schätzt, dass etwa 20 bis 30 Prozent der Deutschen in Aktien investiert sind. Weitere 30 bis 40 Prozent haben schlicht nicht die finanziellen Mittel dazu. Der Rest hat die Möglichkeit, nutzt sie aber nicht. Die Lücke zur amerikanischen Aktienquote ist real – und schließt sich langsam, wie Veranstaltungen wie die Börsen- & Anlegertage zeigen.
Rückschläge beim Vermögensaufbau mit ETFs
Thieme wurde mit 53 Jahren Marathonläufer. Er hat nie einen ersten Platz angestrebt – aber er hat jeden Marathon zu Ende gelaufen. Diese Haltung überträgt er direkt auf das Investieren.
„Es sind die Fehler, die uns weiterbringen. Weil ich daraus gelernt habe. Wenn ich es bewusst mache und nicht vertuscht habe, werde ich den Fehler wahrscheinlich nicht mehr machen.“ – Heiko Thieme, Börsenexperte & Investor
Kursrücksetzer von 10% im Jahr – normal und kein Grund zur Panik
Die Börse korrigiert regelmäßig um rund zehn Prozent – das ist normal und kein Systemversagen. Thieme hat solche Phasen zuletzt selbst erlebt und bewertet sie konsequent als Einstiegschancen, nicht als Bedrohung. Wer bei Rücksetzern verkauft, realisiert Verluste. Wer hält oder nachkauft, profitiert langfristig.
Vermögensaufbau mit ETFs funktioniert nicht trotz Schwankungen – sondern mit ihnen.
Optimismus als Investitionsprinzip: Was 50 Jahre Börsenerfahrung wirklich bedeuten
Thieme unterscheidet zwischen Naivität und Optimismus. Naivität ignoriert Risiken. Optimismus kennt sie – und entscheidet sich trotzdem für das Handeln. Wer 50 Jahre Börsenerfahrung hat, hat Krisen erlebt, Fehler gemacht und Kapital verloren. Und ist trotzdem dabei geblieben. Das ist kein Zufall. Es ist eine Entscheidung, die jeden Tag neu getroffen wird.
Key Takeaway
- Wer täglich ~6 Euro spart und ab 20 Jahren in ETFs investiert, erreicht bis 65 auf heutiger Geldbasis rund 1 Million Euro Endkapital
- Bei 8% Rendite auf 1 Million Euro ergibt sich eine monatliche Ausschüttung von ~6.500 Euro – ohne das Kapital anzutasten
- Ein ETF-Portfolio braucht nur eine Stunde jährlicher Aufmerksamkeit – und kann zwischen 6 und 12% Rendite erzielen
- Der Staat bildet keine Rückstellungen für Pensionsverpflichtungen – private Vorsorge ist keine Option, sondern Notwendigkeit
- Kursrücksetzer und Fehler gehören zum System – wer durchhält und daraus lernt, profitiert langfristig
Häufige Fragen
Wie viel muss ich monatlich in ETFs investieren, um mit 65 eine Million Euro zu haben?
Das hängt stark vom Einstiegsalter ab. Wer mit 20 Jahren beginnt und Thiemes Formel (Alter × 100 Euro Jahresinvestition) folgt, investiert insgesamt rund 185.000 Euro bis zum 65. Lebensjahr. Nach Abzug der Inflation ergibt sich nach Thiemes Berechnung ein Endkapital von rund einer Million Euro auf heutiger Geldbasis – vorausgesetzt, das Geld ist konsistent in ETFs oder diversifizierte Börsenwerte investiert. Je später der Start, desto höher müssen die monatlichen Beträge sein.
Kann ich mit einem ETF-Sparplan allein für die Rente vorsorgen – ohne staatliche Förderung?
Das ist genau das, was Thieme empfiehlt. Ein konsequent besparter Altersvorsorge ETF ohne staatliche Förderung unterliegt weder den Kosten der Riesterrente noch den politischen Unsicherheiten des Rentensystems. Du behältst die Kontrolle über dein Kapital – und hinterlässt es im Zweifel auch als Erbmasse. Die Herausforderung ist Disziplin, nicht Komplexität.
Was passiert mit meinem Geld, wenn die Börse crasht – sollte ich dann verkaufen?
Thieme ist eindeutig: Nein. Kursrücksetzer von zehn Prozent im Jahr sind normal und historisch betrachtet immer wieder aufgeholt worden. Wer in einem Crash verkauft, realisiert Verluste und verpasst die Erholung. Langfristiger Vermögensaufbau mit ETFs bedeutet: Rückschläge aushalten, im Idealfall nachkaufen.
Wie oft muss ich mein ETF-Portfolio wirklich überprüfen?
Laut Thieme reicht eine Stunde im Jahr aus, um die Portfoliostruktur zu prüfen und anzupassen. Die Selbstfahrermethodik funktioniert auch ohne ständige Kontrolle, solange das Portfolio breit diversifiziert und in solide Instrumente investiert ist.
Was ist der Unterschied zwischen Altersvorsorge mit ETF und der gesetzlichen Rente?
Der entscheidende Unterschied liegt in der Kontrolle und der Mathematik. Die gesetzliche Rente ist ein Umlageverfahren: Die Beiträge der Erwerbstätigen finanzieren die Renten der heutigen Rentner – kein Kapital wird aufgebaut, keine Rückstellungen gebildet. Ein Altersvorsorge ETF hingegen baut echtes Kapital auf, das dir gehört, Rendite erwirtschaftet und vererbt werden kann.
Disclaimer:
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Die genannten Beispiele, Einschätzungen und Strategien sind allgemeiner Natur und berücksichtigen nicht deine persönliche Situation.
Investitionen in Wertpapiere, Fonds, ETFs oder andere Anlagen sind mit Risiken bis hin zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals verbunden. Triff deine Entscheidungen eigenverantwortlich und informiere dich bei Bedarf zusätzlich, z. B. bei einer unabhängigen Honorarberatung oder Steuerberatung.

